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Buddha: Big in Japan

Zwei Buddha Statuen im Umland von Tokyo haben mich fasziniert. Jede auf ihre Weise. Der eine Buddha hat über Jahrhunderte viel gesehen und erlebt. Der andere ist jünger, dafür aber ein ehemaliger Rekordhalter.

Der Wettergott meinte es gut mit mir und schien die Regenzeit doch noch ein bisschen zu verschieben. Bei meiner Ankunft in Tokyo regnete es 1.5 Tage nahezu ununterbrochen und ich befürchtete, dass mein Großstadtabenteuer komplett ins Wasser fallen würde. Ab dem dritten Tag gab es jedoch wieder hochsommerliche Temperaturen und sogar die Schwüle war verschwunden. Bei einer Regenwahrscheinlichkeit von 0% beschloss ich einen Ausflug zu einem der berühmtesten Wahrzeichen Japans zu machen und machte mich auf den Weg in das etwa 56 Kilometer entfernte Kamakura.

Im Großraum Tokyo beträgt die normale Reisedauer für solch eine Entfernung etwa 1.5 bis 2 Stunden. Inzwischen hatte ich das Verkehrssystem in Tokyo durchschaut und konnte die verschiedenen Zuglinien und deren Betreiber auseinanderhalten. Am ersten Tag war ich der Überforderung nahe, als ich versuchte ein Ticket für die Metro zu kaufen, aber nicht wusste, welchen der 7 Automaten ich nun bedienen sollte. Prompt zog ich einen ungültigen Fahrschein und mir wurde der Zugang verwehrt. Kein Problem in Japan. Ein Mitarbeiter der die Szene beobachtet hatte eilte zu mir, erkannte den falschen Fahrschein, erstattete mir unaufgefordert den irrtümlich gezahlten Fahrpreis und begleitete mich zum korrekten Automaten, um mir zu erklären wie es richtig geht. Bei dieser Gelegenheit habe ich mir gleich eine wiederaufladbare ‚Passmo‘ Karte geben lassen, die meine Fahrten automatisch abrechnet, wenn ich nur durch die Zutrittskontrollen gehe.

Kamakura

Ich ahnte noch nichts Schlimmes als ich gemütlich im Zug vor mich hin träumte, aber die Realität holte mich schnell wieder ein. Eine Sache hatte ich nämlich nicht bedacht. Es war nicht nur traumhaftes Wetter… es war auch Sonntag! Und in Kamakura gibt es nicht nur dieses weltberühmte Wahrzeichen, sondern auch zwei äußerst beliebte Badestrände. Und so füllte sich der Zug nach und nach mit Menschen, entweder vollbepackt mit Taschen voller Strandutensilien oder eindeutig mit touristischen Motiven unterwegs. Kamakura ist für Tokyo etwa das, was Brighton für London ist. Wer es sich leisten kann, lebt am Meer und pendelt zur Arbeit in die Stadt rein. Und am Wochenende ist es eines der beliebtesten Ausflugsziele für gestresste Großstädter.

Wie die sich ihres Stresses dort allerdings entledigen wollen ist mir ein echtes Rätsel. Denn ausgerechnet bei der Ankunft auf dem kleinen Provinzbahnhof spielten sich die Szenen ab, die ich bislang in Tokyo vermisste. Es verließen so viele Menschen die Abteile, dass ich automatisch in einen dicht gedrängten Strom Richtung Ausgang geschoben wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr gab. Um den Tempel Kōtoku-in zu erreichen mussten wir in einen viel zu kleinen und offensichtlich in die Jahre gekommenen Zug umsteigen und da ist es dann tatsächlich passiert, was ich bislang nur aus dem Fernsehen kannte. Mitarbeiter der Zuggesellschaft drückten die Passagiere in die hoffnungslos überfüllten Abteile, damit die Türen noch zugehen. Schon während wir losfuhren strömte der nächste Schwall Touristen wieder den Bahnsteig entlang. Am Zielbahnhof angekommen folgte ich im Gänsemarsch der Masse. Eine andere Möglichkeit hatte ich nicht, denn der Gehweg war so schmal, dass gerade mal eine Person darauf Platz hatte und so tippelten wir brav Richtung Tempelanlage.

Kōtoku-in

Im Kōtoku-in spielten sich die gleichen Szenen wie in den anderen Tempeln ab, die ich in Japan oder Korea besucht habe. Die Getränkeautomaten sind allgegenwärtig, die Souvenirshops gut sortiert und man kann vor Ort erwerben, was man für die Ausübung seiner Religion oder für den Segen zu Hause benötigt. Nur hier war es heute besonders wuselig und so hatte ich schon auf dem Weg dorthin beschlossen mir die Kopfhörer in die Ohren zu stecken und mich mit passender Musikuntermalung ein wenig auf die Begegnung mit dem Daibutsu, dem großen Buddha einzustimmen.

Und die war trotz des hohen Andrangs atemberaubend. Den ersten Blick auf die über 13 Meter hohe Statue werde ich wohl nie vergessen.

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Was mich sehr bewegte ist die Geschichte dieser Buddha Statue. Seit unfassbaren 762 Jahren sitzt der Daibutsu an dieser Stelle. Die Statue wurde im Jahre 1252 fertig gestellt. Damals war sie noch mit Blattgold überzogen und befand sich im Inneren eines Tempelgebäudes aus Holz, das im Jahre 1498 von einem Tsunami fortgerissen wurde. Seither trotz der große Buddha im Freien Wind und Wetter und bewahrt Ruhe. Selbst an so stressigen Tagen wie heute. Erste westliche Reiseberichte lassen sich bis ins Jahr 1607 zurückverfolgen, in dem ein Pater Rodrigues diesen Ort besuchte.

Ich dachte darüber nach wie viele Menschen bereits hier gewesen sind. Und wie viele es noch sein würden. Damit der Buddha noch lange durchhält wurde in den 1960er Jahren sein Hals verstärkt und Maßnahmen zur Erdbebensicherung getroffen. Möge er uns und nachfolgenden Generationen noch lange erhalten bleiben.

Ich hätte noch liebend gerne den benachbarten Hase-dera Tempel besichtigt, aber hier wurde meine Geduld überstrapaziert. Nachdem ich brav meinen Eintritt entrichtet hatte, drückte man mir ein paar Schritte hinter der Kasse eine Nummer in die Hand, mit der ich zunächst nichts anzufangen wusste. Ich drängelte mich durch tausende von Menschen und erblickte vor dem Aufgang zum Tempel eine Tafel, die offensichtlich Wartezeiten anzeigte. Meine Nummer war noch nicht mal annähernd in Sichtweite und so fragte ich nach und bekam die Auskunft, dass meine Wartezeit mindestens 3 Stunden beträgt. Ich genoss daraufhin noch kurz den Ausblick über die Bucht von Kamakura und trat meinen Rückweg nach Tokyo an.

Erdbeben

Am nächsten Morgen wurde ich um 5:14 Uhr aus dem Schlaf gerissen und war zunächst verwirrt, bis mir schnell klar wurde, dass ich gerade ein leichtes Erdbeben miterlebe.

Erdbeben gehören in Japan zur Tagesordnung. 73 gibt es durchschnittlich jeden Monat mit der Stärke 4 und höher. Und so sind Infobroschüren mit Verhaltensregeln und Durchsagen, dass man im Falle eines Erdbebens Ruhe bewahren soll, nicht nur in Tokyo an der Tagesordnung.

Für mich war es das erste Erdbeben und auch wenn es so leicht war, dass es im japanischen Alltag keine Erwähnung findet, fand ich es doch arg beklemmend. Nachdem ich aufgeschreckt war kniete ich auf dem Bett und wunderte mich darüber, dass es wackelte. Genauso wie die Vorhänge am Fenster. Ich schaute aus dem Fenster, um zu sehen, wie sich die Einheimischen verhalten, aber außer einem einzigen Fahrradfahrer war die Straße vor meinem Hotel noch leer. Nachdem es vorbei war, wartete ich noch einige Minuten ab, legte mich dann aber wieder schlafen.

Im Internet häuften sich Berichte aus Tokio über das erlebte Erdbeben, dessen Epizentrum kurz vor Japans Küste in der Nähe des Ortes Iwaki lag, nur 18 Kilometer von Fukushima entfernt. Die Stärke betrug 5,6. Soweit ich es bis jetzt mitbekommen habe, ist niemand zu Schaden gekommen. Ein ganz normales Alltagsbeben also.

Ushiku

Etwas später als geplant machte ich mich auf den Weg zu einer weiteren Buddha Statue in Tokyos Umland. Dieses Mal Richtung Norden in den kleinen Ort Ushiku. Von dort aus sollte es mit dem Bus zum Ushiku Daibutsu, also auch einem großen Buddha gehen.

Bus fahren ist in Japan eines der Vergnügen, bei dem man noch ein bisschen Mut mitbringen muss. Denn im Gegensatz zu der ansonsten touristisch perfekt organisierten Infrastruktur bleibt der Busbetrieb ausschließlich japanisch sprechenden Mitmenschen vorbehalten. Eine nette Dame half mir und sagte mir, dass ich in Bus Nummer 1 steigen müsse. Gesagt, getan. Allerdings entpuppte sich die 1 auf der LED Anzeige des Busses im Nachhinein nicht als Nummer der Linie und so war ich in Nummer 3 gelandet, die mich jetzt in einer Stunde Fahrtzeit einmal durch und um den kompletten Ort fuhr. So kann man auch seine Zeit verbringen.

Aber alles hat ja auch was Gutes und so begegnete ich beim Aussteigen aus dem Bus Pepe aus Madrid und seiner Freundin, die gerade ebenfalls versuchten sich nach dem richtigen Bus durchzufragen. So taten wir uns kurzerhand zusammen und aus dem Nichts tauchte eine englisch sprechende Japanerin auf, die uns helfen konnte.

Nach weiteren 30 Minuten tauchte über den Bäumen schon der Ushiku Daibutsu auf. Es handelt sich nämlich nicht um irgendeinen großen Buddha, sondern um einen ehemaligen Rekordhalter. Die Bronzestatue ist unfassbare 120 Meter groß und war von ihrer Fertigstellung im Jahre 1995 bis 2002 die höchste Statue der Welt. An klaren Tagen ist sie sogar von Tokyo aus am Horizont sichtbar, obwohl sie fast 60 Kilometer entfernt ist. Und: Man könnte den 13 Meter großen Buddha aus Kamakura problemlos in die linke Hand dieser Statue setzen. Die Handfläche misst 18 Meter.

Im Inneren der Statue befindet sich ein fünfstöckiges Gebäude, in dem ein kleines Museum zur Entstehung, eine Halle mit 3.300 kleinen Buddha Statuen und diverse andere Einrichtungen untergebracht sind. Ein unerwarteter Höhepunkt eröffnete sich jedoch gleich nach Betreten des Gebäudes auf der Rückseite des Sockels. Hinter uns schlossen sich die Türen und in völliger Dunkelheit lauschten wir mystischen Klängen. Nach einiger Zeit öffnete sich die Wand zur anderen Seite und wir betraten die ‚Welt des ewigen Lichts und des ewigen Lebens‘. Eine sehr moderne, wunderbare Installation die wirklich völlig nicht von dieser Welt scheint und in der ich einige Zeit versunken bin.

Im Museum gab es Eindrücke zur Entstehungsgeschichte der Statue und ich stellte mit Erstaunen fest, dass selbst seine Zehen größer sind, als ich. Buddha ist groß! Big in Japan!

Tipps für Kamakura

  • Wenn man nicht gerade wie ich an einem überfüllten Sommer Sonntag nach Kamakura fährt, lässt sich dort problemlos ein Tag verbringen. Neben dem großen Buddha gibt es einige historisch bedeutende Tempel zu sehen. In den kleinen Gassen lässt es sich herrlich bummeln, durch kleine Geschäfte stöbern, in einem der zahlreichen Cafés pausieren oder einen Strandspaziergang machen.
  • Von Tokyo aus mit der JR Yokosuka Linie bis nach Kamakura. Dort weiter mit dem lokalen Zug bis zur Station Hase. Für Japan Rail Pass Inhaber ist ein direkter Umstieg nicht möglich. Diese müssen erst einmal aus dem Bahnhof raus und auf der anderen Seite wieder rein. Der Lokalzug kann mit der Passmo Karte genutzt werden.

Tipps für Ushiku

  • Anreise vom Bahnhof Ueno (Tokyo) aus mit der JR Joban Linie bis Ushiku. Der Buddha liegt 8 Kilometer außerhalb des kleinen Ortes. Vor dem Bahnhof nimmt man den Bus Nr. 1 und fährt etwa 30 Minuten. Zur Sicherheit auf jeden Fall sich beim Fahrer rückversichern, dass der Ushiku Daibutsu auch angefahren wird. Am Besten mit einem Bild der Statue.

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