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Besuch bei Onkel Ho

In engen Altstadtgässchen verlor ich mich und die Zeit. Umgeben von verführerischen Düften gab es dort immer etwas zu entdecken. Am See träumte ich vor mich hin. Und ich stattete zusammen mit hunderttausenden Vietnamesen ihrem Onkel Ho einen Besuch ab. Hà Noi war eine wundervolle Überraschung.

Ich kam erst gegen Mitternacht in meinem Hotel an. Mein Flug war verspätet und wir legten noch einen planmäßigen Zwischenstopp in Vientiane, der Hauptstadt von Laos ein. Eigentlich stand dieses Land auch auf meiner Reiseroute, wurde aber unter dem Motto ‚Weniger ist mehr‘ wieder gestrichen. So habe ich wenigstens einen Fuß auf laotischen Boden gesetzt. Die Fahrt vom Flughafen in die Stadt war herrlich. Ich war inzwischen 5 Wochen unterwegs und selbst nachts unterschritten die Temperaturen selten die 30 Grad Marke. Und falls doch fühlte es sich nicht so an. Nicht so in Hà Noi. Angenehme 24 Grad erfrischten mich und bescherten mir ein ungeahntes Glücksgefühl. Ich bat den Taxifahrer das Fenster noch eine Weile offen zu lassen, damit ich mir den Wind weiter um die Nase wehen lassen konnte.

Im Hotel angekommen hat man mich mit einem freundlichen ‚Hello, Mister Kim‘ begrüßt. Offensichtlich war ich der letzte noch fehlende Gast des Tages und bevor ich zurück grüßen konnte servierte man mir einen frisch zubereiteten Mango Lassi und ein eisgekühltes Handtuch um mich nach der langen Reise zu erfrischen. Nach dem Check In Prozedere schleppte ich mich erschöpft ins Bett.

Am nächsten Morgen begrüßte mich eine weitere Mitarbeiterin des Hotels mit einem fröhlichen ‚Good Morning, Mister Kim‘. In Asien halten natürlich alle meinen Vornamen für meinen Familiennamen. Keine Ahnung woher die nette Dame wusste, dass ich es bin, aber fortan sprachen mich im Hotel alle mit Namen an. Sie nahm meine Frühstücksbestellung auf und erklärte mir, in welcher Ecke der Stadt ich eigentlich gelandet war.

Die Altstadt

Ich verließ gestärkt das Hotel und fand mich in einem hektischen Gewusel inmitten enger Gässchen wieder. Ich schlenderte ziellos umher und genoss die vielfältigen Eindrücke. Viele Gerüche verführten und freundliche Menschen hießen mich in ihrer Stadt willkommen. Die Straßennamen wurden früher nach der Zunft benannt, die sie bewohnte. So ist zum Beispiel die Straße ‚Hang Bo‘ die Straße der Körbe, die man auch heute noch dort kaufen kann. Das Altstadtviertel wird auch ‚Die 36 Straßen‘ genannt, obwohl es mehr als 36 sind. Vermutet wird, dass die Zahl auf das Mittelalter zurückgeht und vielleicht 36 Zünfte in Hà Nois Altstadt angesiedelt waren.

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Am Rande der Altstadt ziehen sich Eisenbahnschienen direkt an Wohnungen vorbei
Am Rande der Altstadt ziehen sich Eisenbahnschienen direkt an Wohnungen vorbei

Hoan Kiem See

Irgendwann stieß ich auf den Hoan Kiem See und er lud mich sofort zum Verweilen ein. Auf einer der vielen Bänke ließ ich die Seele baumeln und träumte einige Zeit vor mich hin. Auf einer kleinen Insel befindet sich der Jadeberg Tempel, auf einer anderen der Schildkröten Pavillon, das Wahrzeichen der Stadt. Um eine goldene Schildkröte geht es auch in einer Legende, die den Namen des Sees begründet. Jene Schildkröte soll einem armen Fischer ein Zauberschwert übergeben haben, mit denen er die Truppen der Ming Dynastie in die Flucht schlagen konnte. Nach seiner Rückkehr erschien die Schildkröte wieder, um ihm das Schwert abzunehmen. Der Hoan Kiem See ist ‚Der See des zurückgegebenen Schwertes‘. Heute lebt noch mindestens eine Riesenschildkröte im See, die sich nur selten zeigt. 1968 barg man ein 400 Jahre altes Exemplar aus dem See. Das 2,10 Meter lange und 250 Kilogramm schwere Tier ist heute im Jadeberg Tempel ausgestellt.

Die Brücke der aufgehenden Sonne führt zum Jadeberg Tempel
Die Brücke der aufgehenden Sonne führt zum Jadeberg Tempel

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2.10 Meter lang und 250 Kilogramm schwer
2.10 Meter lang und 250 Kilogramm schwer
Der Schildkrötepavillon. Das Wahrzeichen der Stadt.
Der Schildkrötepavillon. Das Wahrzeichen der Stadt.

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Die 1883 erbaute Kathedrale erinnert stark an Notre Dame de Paris
Die 1883 erbaute Kathedrale erinnert stark an Notre Dame de Paris

Den Abend lies ich mit einem Besuch des traditionellen Wasserpuppentheaters ‚Tha Long‘ ausklingen. Seit über 1.000 Jahren soll es diese Tradition schon geben. Die Vorstellung war beeindruckend und findet, wie der Name schon sagt, in einem Wasserbecken statt. Die Puppenspieler stehen hinter einem Bambusvorhang und steuern die Wasserpuppen über bis zu vier Meter lange Stangen. Erstaunlich, was damit alles möglich ist. Gezeigt wurden Szenen der Reisernte, feuerspeiende Drachen, Kinder die Frösche fangen und die bereits erwähnte Legende von der Rückgabe des Schwertes am Hoan Kiem See.

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Tag der Befreiung

Zielsicher zufällig erreichte ich Hanoi zu einem großen Feiertag. Am 30. April wird der Tag der Befreiung gefeiert. Und in diesem Jahr jährte sich das Ende des Vietnamkrieges zum 40. Mal. Das war in der Stadt nicht zu übersehen. Und man war vorbereitet auf einen Ansturm hunderttausender Vietnamesen, die ihrem ‚Onkel Ho‘, wie sie ihren früheren Präsidenten Ho Chi Minh liebevoll nennen, einen Besuch abstatten wollten.

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Ho Chi Minh ist in der Bevölkerung heute noch so beliebt, dass viele ihn als Familienmitglied ansehen. Diese Verehrung kommt nicht von ungefähr. Schon in jungen Jahren zeigte Ho Chi Minh eine starke Abneigung gegenüber der französischen Kolonialherrschaft. Er reiste viel, lebte unter anderem in  New York und London und hat in Frankreich die Sprache und Kultur der Besatzer studiert. Dort schloss er sich in Paris der Sozialistischen Partei Frankreichs an. Deren Ideale führten ihn weiter nach Moskau und China und führte zur Gründung der Kommunistischen Partei Indochinas, aus der später die heutige Kommunistische Partei Vietnams hervorging. 1941 kehrte er nach Vietnam zurück und rief nach Ende des zweiten Weltkriegs, in dem er mit Guerillatruppen gegen die japanischen Besatzungstruppen und deren französischen Verbündete kämpfte, vor einer jubelnden Menge die Unabhängigkeit Vietnams aus. Als Befreier Vietnams wurde er Premierminister und später Präsident von Nordvietnam.

In den darauffolgenden Jahren wurde ein großer Personenkult um Ho Chi Minh inszeniert. Er selbst führte einen bescheidenen Lebensstil und wohnte in einem einfachen Holzhaus neben dem Regierungspalast. Er starb 1969 ohne die Erfüllung seiner Ziele noch zu erleben. Die Wiedervereinigung Vietnams unter sozialistischer Flagge. In seinem Testament verfügte er, dass sein Leichnam verbrannt werden möge. Sein letzter Wille blieb unerfüllt. Stattdessen errichtete man ein gewaltiges Mausoleum, in dem seither sein einbalsamierter Körper ruht. Wenn sich nicht gerade Menschenmassen an ihm vorbeischieben.

Als ich mich gegen 8 Uhr langsam dem Mausoleum näherte sah ich schon die Warteschlange, an der ich gute zwanzig Minuten entlang lief, um das Ende zu suchen. Ich befürchtete schon das Schlimmste, machte mich darauf gefasst den Rest des Tages in der Hitze zu warten. Es lief jedoch unerwartet reibungslos und relativ schnell. Die Warteschlange schlängelte sich gute drei bis vier Kilometer durch den schattigen botanischen Garten. Die Polizei hatte die Lage im Griff und ließ uns immer nur in Gruppen weiter vorrücken. Familien kamen mit Kind, Kegel und Großeltern, sozialistische Gruppen sangen fröhliche Lieder und Verkäufer mit Fächern und Getränken sorgten dafür, dass die Hitze erträglich wurde.

Nach exakt zwei Stunden erreichte ich den Eingang des Mausoleums. Vorher musste ich meine Kamera abgeben. Schon im Vorraum drohte man zu erfrieren. Der Temperatursturz muss um die 20 Grad betragen haben. Weiß uniformierte Soldaten sorgten in aller Stille im Hauptraum des Mausoleums für einen geordneten Ablauf. In nach Körpergröße eingeteilten Dreierreihen umrundeten wir den aufgebahrten Ho Chi Minh.

Der Moment war andächtig, aber nicht traurig. Viele Menschen im Raum waren zutiefst berührt. Man konnte regelrecht spüren, wie wichtig den Vietnamesen Ho Chi Minh immer noch ist. Es war still. Vier Soldaten bewachten seinen Sarg.

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Direkt neben dem Mausoleum kann die Wohn- und Arbeitsstätte Ho Chi Minhs besichtigt werden. Den Präsidentenpalast hat er nie genutzt, da er ein Leben in einfacheren Verhältnissen vorzog.

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Ebenfalls in unmittelbarer Nähe befindet sich das Ho Chi Minh Museum, das das Leben von Onkel Ho auf eine etwas eigenwillige Weise in einer Mischung mit moderner Kunst dokumentiert. Daneben übersieht man fast eines der wichtigsten Wahrzeichen der Stadt. Die aus dem 11. Jahrhundert stammende Einsäulenpagode.

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Am Nachmittag machte ich mich auf den Weg zu den noch ausstehenden, wichtigsten Sehenswürdigkeiten.

Das älteste Gebäude der Stadt ist die Tran Quoc Pagode aus dem Jahre 544.
Das älteste Gebäude der Stadt ist die Tran Quoc Pagode aus dem Jahre 544.
Märtyrer Denkmal zu Ehren der Revolutionshelden
Märtyrer Denkmal zu Ehren der Revolutionshelden
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Eingang zum Literaturtempel. Einer der wichtigsten Tempel des Landes.
Der Literaturtempel war zudem Hà Nois erste Universität.
Der Literaturtempel war zudem Hà Nois erste Universität.
Auf diesen Steinplatten wurden die Namen der Absolventen festgehalten. Sie sind Teil des UNESCO Weltkulturerbes.
Auf diesen Steinplatten wurden die Namen der Absolventen festgehalten. Sie sind Teil des UNESCO Weltkulturerbes.

DSCN1782 DSCN1790 DSCN1812Völlig erschöpft freute ich mich auf einen entspannten Abend im Hotel. Doch die nette Dame von der Rezeption machte mir einen Strich durch die Rechnung. Schließlich wurde zur Feier des Tages ein Feuerwerk über dem Hoan Kiem See spendiert. Also nichts wie hin.

Und so feierte ich mit ihnen ihren Tag der Befreiung, der am späten Abend in einem faszinierenden Verkehrschaos endete…

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Tipps für Hà Noi

  • Das Thang Long Wasserpuppentheater befindet sich direkt am Hoan Kiem See. Es gibt mehrere Vorstellungen täglich für die man sich bereits am Vormittag eine Karte besorgen sollte. In der Regel ist das Theater täglich ausverkauft. Die Vorstellung dauert etwa 50 Minuten. Eintritt: 100.000 Dong (ca. 4 Euro). Für eine Kamera zahlt man noch einmal 20.000 Dong extra (80 Cent)
  • Am Ho Chi Minh Mausoleum ist immer mit langen Wartezeiten zu rechnen. Es empfiehlt sich rechtzeitig vor Ort zu sein. Es ist nur vormittags geöffnet und montags und freitags geschlossen. Der Eintritt ist frei.
  • Für den Besuch der Wohn- und Arbeitsstätte Ho Chi Minhs zahlen Ausländer einen geringen Eintritt von 25.000 Dong (ca. 1 Euro).
  • Im Ho Chi Minh Museum gibt es eine eigenwillige Ausstellung zum Leben von Ho Chi Minh vermischt mit moderner Kunst. Wer viel Zeit hat und sich in den klimatisierten Räumen abkühlen möchte kann den Eintritt von 25.000 Dong (ca. 1 Euro) getrost investieren. Es besteht nur die Gefahr, dass man sich permanent mit Vietnamesen fotografieren lassen muss. Insbesondere mit Kindern, neben denen man vergleichsweise wie ein Riese wirkt.
  • Übernachten sollte man möglichst im Altstadtviertel. Von dort aus sind alle Sehenswürdigkeiten bequem zu Fuß zu erreichen.

 

 

2 Gedanken zu „Besuch bei Onkel Ho“

  1. Hallo Kim, wieder ein gelungener und ereignisreicher Tag. Wie fast immer sitze ich fasziniert und verträumt vor Deinen Berichten und bestaune die Fotos. Mein Fernweh steigt von Tag zu Tag…..
    Von Herzen, Moni

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