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Kaiserhitze

Mit dem Zug fuhr ich weiter die Küste entlang Richtung Süden und besuchte eine ehemalige Kaiserstadt. Hitzerekord inklusive.

Mit dem Wiedervereinigungsexpress ging es weiter die Küste entlang Richtung Süden. Während in Deutschland die Bahn streikte erfreute ich mich am kleinen Provinzbahnhof Dong Hoi an einer kostenlosen Internetverbindung und einer Steckdose, um mein Handy aufzuladen. Wie überall in Vietnam wird man als exotischer Ausländer sofort unter die Fittiche genommen. Eine Mitarbeiterin des Bahnhofes fragte, wo ich hinfahren möchte, ob ich schon ein Ticket hätte und gab mir ein Zeichen, als es Zeit war mich Richtung Bahngleis zu begeben. Drei Stunden lang dauerte die Fahrt in die alte Kaiserstadt Hue. Vollbesetzt und bis unters Dach mit Gepäckstücken gefüllt – ein riesiger Kaktus war auch dabei – ruckelten wir mit Mann & Maus los. Wörtlich gemeint. Die kleinen Nager reisten quasi als Haustiere mit uns und krabbelten zwischen unseren Füßen rum, was niemand für etwas Außergewöhnliches zu halten schien.

Wie immer in Asien ist Körperkontakt bei dieser Enge was völlig normales. Ein junger Mann knabberte neben mir genüsslich einen Maiskolben nach dem anderen und dreht sich ab und zu um, um mit den Fahrgästen hinter uns zu sprechen. Dabei sitzt er gemütlich auf der Armlehne zwischen uns und mir fast auf dem Schoß. Inzwischen bin ich es gewohnt und empfinde es fast als normaler, als Gesellschaften, in denen sich die Menschen so gut wie möglich aus dem Weg gehen.

So war auch in unserem ohnehin lauten Abteil niemand genervt, als eine Mutter mit einem schreienden Baby vor uns Platz nahm. Im Gegenteil. Das Kleine war sofort der Star des Zuges und zog sämtliche Aufmerksamkeit auf sich. Mein Sitznachbar wurde kurzerhand zum Babysitter, als die junge Mutter kurz einem natürlichen Bedürfnis nachgehen musste.

Viele der Fahrgäste sind stundenlang, manche sogar eineinhalb Tage lang mit dem Wiedervereinigungsexpress zu ihren Zielen unterwegs und dementsprechend ausgestattet. Menschen mit Porzellankannen, Tassen oder Instantnudelnbechern pilgerten zu den bereitgestellten Wasserkochern. Verschiedene Händler rollten ihre Angebote, vom Schokoriegel über Streetfood bis hin zum traditionell vietnamesischen Essen durch die Gänge. Mein Sitznachbar scheint auch noch eine längere Strecke vor sich zu haben. Der Maiskolbenvorrat wird aufgefüllt und während wir ein Gewitter durchfahren versucht er mit beeindruckenden Verrenkungen eine geeignete Schlafposition zu finden.

Bahnhof Dong Hoi
Bahnhof Dong Hoi
Der Wiedervereinigungsexpress
Der Wiedervereinigungsexpress

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Völlig normal: Körperkontakt in Asien
Völlig normal: Körperkontakt in Asien

Hue war bis 1945 die Hauptstadt Vietnams und Sitz des letzten Kaisers, der mit Machtübernahme durch Ho Chi Minh abdankte. Heute kann man hier die durch viele Kriege zerstörte kaiserliche Zitadelle besichtigen. Beziehungsweise was davon übrig blieb. Seit 1993 gehört sie zum UNESCO Weltkulturerbe und wird seitdem restauriert.

Ich wunderte mich, dass sich nur wenige Besucher in der Zitadelle blicken ließen, bemerkte aber auch die an diesem Tag besonders aggressive Hitze. Direkt in der Sonne hielt man es nicht lange aus und hatte das Gefühl, dass sie wie kleine Nadeln auf die Haut sticht. Mit einem persönlichen Hitzerekord hatte ich jedoch nicht gerechnet. Gefühlte 51 Grad erklären, warum die Stadt an diesem Tag wie ausgestorben schien.

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Wie ausgestorben. Die Straßen von Hue.
Wie ausgestorben. Die Straßen von Hue.
Dong Ba Markt
Dong Ba Markt

Die kaiserliche Zitadelle betritt man durch das 1833 errichtete Mittagstor. Davor weht an einem weit sichtbaren Flaggenturm die Nationalfahne.

DSCN2755DSCN2750In der ‚Halle der höchsten Harmonie‘ fanden die offiziellen Zeremonien des Kaisers statt. Der kaiserliche Thorn ist heute noch zu besichtigen, fotografieren aber strengstens verboten.

DSCN2764 DSCN2772Direkt dahinter beginnt schon die verbotene Stadt, zu der nur der Kaiser mit seinem Gefolge Zutritt hatte. DSCN2785

Bronzegefäße aus dem 17. Jahrhundert
Bronzegefäße aus dem 17. Jahrhundert

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Lesepavillon

DSCN2814In einer Ausstellung wird gezeigt, wie die Kriege der kaiserlichen Zitadelle in den vergangenen Jahren zusetzte. Zuletzt durch den verheerenden Vietnamkrieg. Durch den später herrschenden Sozialismus, der die kaiserliche Vergangenheit durchweg ablehnte, ließ man das Gebäude Jahrzehnte lang verfallen.

Zitadelle im Vietnamkrieg
Zitadelle im Vietnamkrieg

Wo der Kaiser einst residierte ist nicht mehr viel übrig geblieben.

DSCN2823 DSCN2837 DSCN2839 DSCN2842Westlich und östlich der verbotenen Stadt waren verschiedene Tempel, Gärten und die Schatzkammer des Kaisers angesiedelt. Außerdem hatten Angehörige hier ihre Gemächer. Die Zitadelle durch das Mittagstor zu betreten war nur dem Kaiser und seiner Gefolgschaft vorbehalten. Besucher wurden an einem der anderen, schön gestalteten Tore empfangen.DSCN2850 DSCN2854

Tor der Menschlichkeit
Tor der Menschlichkeit

Nach Sonnenuntergang erwachte Hue wieder zu vollem Leben. Die Stadt ist bekannt für eine große Auswahl guter Restaurants und ein pulsierendes Nachtleben. Jedes Lokal versucht sich durch eine Spezialität von den anderen abzuheben. Wer die Wahl hat, hat hier wirklich die Qual. Und während ich auf mein Essen wartete schlürfte ich meinen eisgekühlten Zitronensaft und war doch erstaunt, wie erfrischend 30 Grad am Abend sein können…

Tipps für Hue

  • In jedem Hotel ist man bei der Buchung eines Zugtickets behilflich. Ein Mitarbeiter des Bahnhofes bringt dieses gegen eine geringe Gebühr im Hotel vorbei. Die Fahrt von Dong Hoi nach Hue (188 Kilometer, 3.5 Stunden) kostete ca. 5$.
  • Am Besten wohnt es sich im Ortsteil Phu Hoi. Dort ist eine gute Infrastruktur vorhanden, mit allem was das Herz begehrt. Vor allem gibt es viele Restaurants, die auch Backpacker Treffpunkte sind. Die Zitadelle ist zu Fuß über die Truong Tien Brücke in gut 20 Minuten erreichbar. Hotels verleihen auch Fahrräder.
  • Im Eintrittspreis der Zitadelle (6$) ist ein Besuch im Museum der Königlichen Antiquitäten inbegriffen. Man erreicht dies über das östlich gelegene ‚Tor der Menschlichkeit‘
  • Direkt am Ende der Truong Tien Brücke auf Seite der Zitadelle befindet sich östlich der Dong Ba Markt. Langzeitreisende mit Lust auf irgendwas aus der Heimat werden ebenfalls dort in einem riesigen Co.op Supermarkt glücklich gemacht.

2 Gedanken zu „Kaiserhitze“

  1. 51 Grad. Oh Gott, oh Gott! Da habe ich in Mali immer nur flach gelegen, unter den Mangobaeumen, bis die Sonne unterging. Beachtlich, dass Du in diesen Temperaturen auf den Beinen bist!

    1. Ich glaube da hat geholfen, dass ich es erst hinterher feststellen konnte 🙂 Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß… oder zumindest hier immerhin ein bisschen…

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