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Slums

Eine der intensivsten und interessantesten Reiseerfahrungen meines Lebens. Ein Spaziergang durch das Elendsviertel ‚Dharavi‘ in Mumbai. Organisiert von den Slumbewohnern selbst. 

Indien ist arm. Sehr arm. Ich war mir dessen bewusst und dennoch ist es, wenn man plötzlich mittendrin steht, doch etwas anderes.

Mumbai ist das wirtschaftliche Zentrum Indiens. Der Ruf lockt. Viele Menschen aus allen Teilen des Landes kommen hierher, um ihr Glück zu machen. Meistens kommt es jedoch nicht dazu.

Die Metropolregion gehört zu den größten der Welt. 21 Millionen Menschen leben hier. Extrem dicht aufeinander. Das merkt man sofort, sobald man die Stadt betreten hat. Egal wo man hingeht, man ist von unglaublichen Menschenmassen umgeben. Unfassbare 62 Prozent der Bevölkerung Mumbais lebt in einem der über 200 Slums der Stadt. Das sind 13 Millionen Menschen, die in absoluter Armut leben. Wie unglaublich ist diese Zahl? 13 Millionen Menschen alleine in dieser Stadt, ohne Anschluss an fließendes Wasser oder an die Kanalisation.

Der Slum Dharavi stellt eine Besonderheit dar, da er mitten im Stadtgebiet liegt. Unfassbare 1 Millionen Menschen leben und arbeiten, oftmals seit mehreren Generationen, auf einer Fläche von gerade mal 2,1 Quadratkilometern. Dharavi ist somit deutlich kleiner, fast nur halb so groß wie der Central Park in New York.

Zufällig wurde ich auf das Projekt REALITY Tours & Travel aufmerksam, das 2005 ins Leben gerufen wurde. Nach anfänglichen Schwierigkeiten Touristen für Ausflüge in die Slums zu begeistern kam 2007 der große Durchbruch mit einer Erwähnung im Reiseführer Lonely Planet. Von da an arbeitete das Projekt kostendeckend und alle Überschüsse fließen seitdem zurück nach Dharavi und werden dort in Bildung für Jugendliche, hauptsächlich durch Englisch- und Computerkurse, investiert. Im Rahmen der Entwicklungshilfe wurde im Jahre 2014 vom deutschen Bundesamt für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ein Schulungszentrum mit Computerraum eingerichtet.

Die Führungen durch Dharavi werden von den Slumbewohnern selbst durchgeführt.

Ich wartete am ausgemachten Treffpunkt, einem Buchladen am Bahnhof Churchgate. Nach und nach trudelten weitere Touristen ein und wir hatten uns schnell als Gruppe zusammengefunden. Vier junge Studenten aus London und Zürich, die zu einer indischen Hochzeit eingeladen und von dieser völlig erschöpft waren, ein Pärchen aus Spanien, das ebenfalls zu einer indischen Hochzeit eingeladen war, selbige aber leider wegen eines Todesfalls kurzfristig abgesagt werden musste, ein weiteres Pärchen aus den USA und als Einzelgänger ein Norweger und ich.

Mit dem Zug fuhren wir Richtung Dharavi und während der Fahrt spielten sich unfassbare Szenen ab. Als wir losfuhren hatten wir das Zugabteil komplett für uns. Das änderte sich schlagartig als wir in einen Bahnhof einfuhren an dem hunderte Inder unseren Wagen stürmten, als wären sie vor irgendetwas auf der Flucht. In Sekundenschnelle war der Wagen so überfüllt, dass die Menschen während der Fahrt auch außen an den Fenstern hingen. Kein Ausnahmezustand, sondern in dieser völlig übervölkerten Stadt tägliche Normalität. Etwa 10 Menschen sterben jeden Tag in Mumbais Zügen. Jeden Tag!

Auch wir mussten höllisch aufpassen. Die Züge halten konsequent nur einige Sekunden in den Bahnhöfen. Türen gibt es erst gar keine. Und so muss man sich schon rechtzeitig den Weg zum Ausgang bahnen. Bis alle ausgestiegen sind fährt die Bahn meistens schon weiter und die Fahrgäste die zusteigen wollen müssen auf den anfahrenden Zug aufspringen.

Wir waren alle wohlbehalten angekommen und bevor wir den Slum betraten, gab es noch Hinweise, wie wir uns am angemessensten verhalten würden. Die wichtigste und wie ich finde absolut sinnvolle Regel lautete: Keine Fotos. Uns wurden zum Ende der Tour einige Bilder zur Verfügung gestellt (hier zu sehen). Das Titelbild dieses Artikels gehört ebenfalls dazu.

Und so betraten wir den Slum und schauten uns als erstes das Gewerbegebiet an. Moment… Gewerbegebiet? Ja, richtig gelesen. Ich war auch überrascht und somit hatte die Tour schon das erste wichtige Ziel erreicht. Das ist für Slums sicherlich nicht die Regel, aber in Dharavi ist man äußerst produktiv.

Die Arbeitsbedingungen sind entsetzlich. In dunklen, engen Fabriken sehen wir uns als erstes diverse Recyclingunternehmen an. Die Arbeiter zerkleinern Plastik und schmelzen es ein, um Granulat herzustellen. Schutzkleidung und Arbeitssicherheit sind Fremdworte. Wir stehen zwischen Bergen von Plastikmüll und Elektroschrott. Die Menschen arbeiten hier für etwa 3 Euro täglich bis zu 12 Stunden und schlafen nachts auf dem Boden der fensterlosen Fabriken. Viele kommen aus noch ärmlicheren Verhältnissen vom Land und haben hier die einzige Möglichkeit etwas Geld zu verdienen.

Die Gerüche sind gesundheitsgefährdend. Dharavi ist einer der ungesündesten Orte des Planeten. Die Lebenserwartung liegt hier lediglich bei durchschnittlich 55-60 Jahren. Nicht nur Giftstoffe, hygienische Extrembedingungen und Luftverschmutzung sind ein Problem, sondern auch Mangelernährung.

Wir sind froh, dass wir weiterziehen können. Wir sehen als nächstes eine Bäckerei und sind erstaunt über die Herstellung von Koffern, die ‚Made in India‘ auch in deutschen Kaufhäusern zu finden sind. Aus Ziegen- und Wasserbüffelleder werden Handtaschen, Gürtel und Portemonnaies hergestellt. Wir sehen Fitnessstudios, Bierstuben, Friseure, Arztpraxen, Straßenküchen, Obsthändler, hinduistische Tempel, eine Moschee, eine katholische Kirche und viele viele Menschen, die uns freudig begegnen. Vor allem die Kinder, die ausgelassen in den Straßen toben und jeden von uns wissbegierig ausfragen. Es gibt eine kostenfreie öffentliche Schule und eine private Schule, die mit Kosten von monatlich 7 Euro für die meisten Menschen schon unerschwinglich ist.

Als wir durch die Wohngebiete laufen wird es eng. Die Behausungen sind so dicht aneinander gebaut, dass kaum Tageslicht einfällt. Für manche der engen Gassen bin ich zu breit und muss sie quer passieren. Außerdem müssen wir ständig die Köpfe einziehen. Hier und da werfen wir im Vorbeigehen einen sekundenkurzen Blick in die Wohnungen. Genug um zu sehen, wie die Menschen dort leben. Meistens steht ganzen Familien nur ein Raum mit 10 Quadratmeter zur Verfügung. Ohne sanitäre Einrichtungen. Es gibt verschiedene öffentliche Toiletten in den Slums. Eine Toilette teilen sich ungefähr 1.500 Einwohner. Und da viele der Toiletten auch noch gebührenpflichtig sind, wird das Geschäft oft in den pechschwarzen Fluss verrichtet,  der uns mit einer Portion Galgenhumor als ‚Black Swimmingpool‘ präsentiert wurde.

Vor gut 12 Jahren hat man für die Bewohner ein Hochhaus mit ‚Sozialwohnungen‘ errichtet, die von den meisten abgelehnt wurden. Unser Tourguide ist selbst in den Slums aufgewachsen und erklärte uns, dass dies die Welt sei, die er kennt. Er weiß um jede Ecke und kennt die Menschen sein Leben lang. In den dicht beieinander stehenden Behausungen hat sich ein Kollektiv gebildet, das füreinander sorgt. Ich glaube eine Privatsphäre wird von den Bewohnern deshalb nicht vermisst, weil sie sie nie erlernt haben. Eine seiner größten Sorgen wäre, in einer abgeschlossenen Wohnung in einem Hochhaus den Kontakt zu seinen Mitmenschen zu verlieren. Und dass niemand bemerken würde, wenn es ihm gesundheitlich schlecht gehen würde.

Zum Abschluss der zweieinhalbstündigen Tour bekamen wir noch ausführliche Informationen über das Projekt und wurden mit erfrischender Limonade versorgt.

Wie habe ich das alles empfunden?

Ich wusste, dass auf meiner diesjährigen Reise der Sprung von der Hochglanz-Zukunftsstadt Singapur nach Mumbai einer der gewaltigsten Sprünge ist, den man wagen kann. Und als ich in Indien ankam war der Kulturschock, trotz aller mentaler Vorbereitung, gewaltig.

Eben dieser Kulturschock hat mich veranlasst, die Tour durch den Dharavi Slum zu wagen. Ich war mental irgendwo zwischen ‚Jetzt erst recht‘ oder ‚Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an‘.

Ich habe etwas anderes gesehen, als ich erwartet habe. Man muss dazu sagen, dass Slum auch nicht gleich Slum ist. Alleine hier in Mumbai soll es über 200 Slums geben und in den meisten werden vermutlich noch schlimmere Verhältnisse herrschen, als wir sie in Dharavi erlebt habe.

Unser stets gut gelaunter Führer Rakesh hat uns voller Stolz seine Heimat gezeigt. Und die seiner Familie und seiner Freunde. Eine außergewöhnliche Stadt in der Stadt. Jenseits von Allem, was wir Menschen in Deutschland als normal empfinden.

Ihr Lieben,

wer mich kennt, weiß, dass ich zu denjenigen gehöre, die unser Leben im Wohlstand keinesfalls als selbstverständlich hinnehmen. Ich bin täglich dankbar für mein Leben in Freiheit und vor allem im Luxus. Wir sind in der glücklichen Situation Wohnungen zu haben, sauberes Wasser, Heizungen und hygienische Lebensmittel an jeder Straßenecke. Wir haben ärztliche Versorgung und Medikamente. Ist das nicht wundervoll?

Mein Besuch im Dharavi Slum verstärkt diese Dankbarkeit nur noch. Und es wird mir nach diesem Erlebnis noch unbegreiflicher sein, wie Menschen in Deutschland ernsthaft über unser Land meckern können.

Dieser Ausflug war eine ganz wunderbare Erfahrung, die ich jedem nur ans Herz legen kann. Und deshalb möchte ich an dieser Stelle noch einmal auf die mehrfach preisgekrönte Organisation hinweisen. Sie ist der einzige Tourveranstalter, bei dem die Erlöse in Dharavi verbleiben:

REALITY Tours & Travel
http://realitytoursandtravel.com

Inzwischen hat man das Tourprogramm auch auf andere Orte und Themen ausgeweitet. Trotzdem kommen die Erlöse Dharavi zu Gute.

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3 Gedanken zu „Slums“

  1. Lieber Kim, Dein Bericht beeindruckt mich sehr – macht mich wieder ein büschen mehr demütig. Traurig sowieso. Einen ganz kleinen Einblick in unsere so ungerechte Welt habe ich in Brasilien vor über 20 Jahren schon erlebt. Daran fühlte ich mich jetzt erinnert, als ich Deine Zeilen las. Sao Paulo – im Stadtgebiet 12 Mio. Einwohner und in der Metropolregion wohl zwischenzeitlich weit über 20 Mio. Einwohner – faszinierte mich schon immer. Schon damals durfte ich mit Freunden sehr liebe Menschen in einer der größten Favelas Südamerikas kennen lernen. Menschen, die so unglaublich gastfreundlich, hilfsbereit und liebenswert waren. Leider hatten sie einfach ein büschen Pech in ihrem Leben. Alle sagten sie, sie würden täglich dafür kämpfen, diesem Ort zu entfliehen. Grauenhaft und brutal ist das menschliche Leid und unser „europäisch-deutsches Desinteresse“. Vielen Dank für Deine Einblicke und dass Du uns mitgenommen hast auf Deine Reise. Ich freue mich auf unsere Treffen in Hamburg. Sei behütet 🙂

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