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Mumbai

Mumbai Nightmares statt Bombay Dreams… Der Sprung von der Hochglanz-Zukunftsstadt Singapur in den Moloch Mumbai war gewagt und der Kulturschock entfaltete trotz mentaler Vorbereitung seine voller Wirkung. 

‚Bitte nicht hier…‘, dachte ich, als der Taxifahrer vor dem Gebäude hielt, dass wie alle anderen, die ich bislang gesehen hatte, in einem erbärmlichen Zustand war. ‚Sind Sie sicher?‘, fragte ich den Taxifahrer. Er war sich sicher. Zum Glück, denn alleine hätte ich mein Hotel wohl schwer gefunden, weil über dem Eingang ein völlig anderer Name prangte. Beim Check-In war man jedoch auf mich vorbereitet und ich wusste, dass ich leider doch im richtigen Gebäude gelandet war.

Lektion Nummer 1 hatte ich somit schon mal gelernt… was an einem Gebäude außen dran geschrieben steht bedeutet erstmal gar nichts.

Quälende eineinhalb Stunden dauerte die Taxifahrt vom Flughafen ins Zentrum und während der Fahrt bekam ich schon einen Vorgeschmack darauf, was mich erwartet. Der Verkehr war chaotisch. Eigentlich außer Kontrolle. Am Straßenrand bittere Armut. Und soweit das Auge reicht Gebäude, die vom Verfall gezeichnet sind. Um ehrlich zu sein wartete ich die ganze Zeit darauf, dass die Kulisse sich in eine modernere wandeln würde. Vergebens. Ich  wurde mitten in diesem Chaos abgeladen.

Im Hotel kümmerten sich drei Herren hinter der Rezeption um mich. Ich hatte keine Ahnung wer was und warum tat. Hilflos sah ich zu, wie sie sich wild unterhaltend irgendwelche Papiere hin und her reichten und mich irgendwann vergessen zu haben schienen. Ein vierter Herr tauchte auf und schob mir ein riesiges Gästebuch unter die Nase, in dem ich mich handschriftlich eintrug. Eine neue Erfahrung. So etwas kannte ich nur aus Filmen. Alten Filmen.

Der Weg zum Zimmer war seltsam. Das Gebäude im Prinzip abbruchreif mit brandneuen Elementen, die überhaupt nicht dorthin zu gehören schienen. Während ich auf den Fahrstuhl wartete stand ich halb in der Küche. Mein Zimmer war glücklicherweise ebenfalls relativ neu. Der Ausblick aus meinem Fenster war trostlos und der Straßenverkehr genau so unüberhörbar wie die Klimaanlage des Hauses, die Tag und Nacht den Lärmpegel eines Staubsaugers von sich gab.

Ich fragte an der Rezeption nach dem Wäscheservice und man sagte mir, man würde sofort jemanden vorbei schicken. Nach einer halben Stunde fragte ich noch einmal nach, mit dem Hinweis, dass ich gerne noch etwas essen gehen möchte. Man sagte mir, ich könne den Zimmerservice auch direkt anrufen. Das tat ich auch und man versprach mir sofort jemanden vorbei zu schicken… Nach einer weiteren halben Stunde habe ich meinen Wäscheplan aufgegeben und machte mich auf mein Umfeld zu erkunden.

Ich wusste, dass ich in der Nähe des relativ großen Bahnhofes Chhatrapati Shivaji Terminus (hieß früher mal Victoria Station) wohnte und machte mich auf den Weg dorthin. Für Fußgänger ist der Straßenverkehr nicht ungefährlich. Todesmutig überquerte ich die Straße, wie ich es schon unzählige Male in Südostasien getan hatte. Aber hier wird deutlich weniger Rücksicht darauf genommen. Seit Jahren führt Indien die Unfallstatistiken an. Nirgendwo gibt es so viele Verkehrstote wie hier.

Ich sah nur noch Autos, Motorroller, Menschen, Menschen und nochmal Menschen. Das Hupen der Fahrzeuge war ohrenbetäubend. Egal was die Inder sagen – wenn einfach alle Fahrzeuge auf der Straße gleichzeitig hupen kann man unmöglich noch von einer Signalwirkung sprechen.

Am Bahnhof angekommen ergoss sich ein Schwall von Menschen aus dem Hauptgebäude in die davor liegende Unterführung. Wie ein Wasserfall strömte der Menschenstrom die Treppen runter und riss und riss einfach nicht ab. Ich wartete einige Minuten und realisierte, dass ich mich in die Masse einreihen musste, falls ich die andere Seite der Straße heute noch erreichen möchte.

Die Gerüche wechselten schnell und waren undefinierbar. Es war heiß. Die Gehwege mit ihren Schlaglöchern oder hochstehenden Kacheln eine Herausforderung, da man vor lauter Menschen kaum den Boden sehen konnte. Man war eigentlich ständig im Körperkontakt und dann ist einfach nicht mehr so viel Abstand, wenn jemand husten oder niesen muss.

Das war erstmal etwas viel für mich und ich brauchte dringend etwas Vertrautes und steuerte das Einzige an, was mir in dieser Szenerie bekannt vorkam: McDonalds.

In Indien wird kein Rindfleisch gegessen. Kühe sind heilig. Und so gibt die bei uns bekannten Burger immer in einer Hähnchen oder vegetarischen Variante. Der Kassierer war nicht gerade sonderlich begeistert, als ich meinen vegetarischen Maharaja Mac mit einem 2.000 Rupien Schein bezahlen wollte. Völlig überraschend hatte Indiens Regierung zwei Monate zuvor die am meisten genutzten 500 und 1.000 Rupien Scheine für ungültig erklärt und aus dem Verkehr gezogen. Das hat das Land in ein mittelschweres Chaos gestürzt. Begründet wurde dieser drastische Schritt mit der Bekämpfung von Korruption und Schwarzgeld.

Ich hatte vorsorglich US-Dollar mitgenommen und am Flughafen umgetauscht. Dafür gab es jedoch Höchstgrenzen. An den Geldautomaten waren auch nur kleine Beträge pro Tag zu bekommen, wenn sie nicht gerade mal wieder leer waren. Um auf Nummer sicher zu gehen machte ich eine kleine Geldautomaten Tour und experimentierte ein bisschen, denn der Höchstbetrag war an jedem Automat ein anderer. Angezeigt wurde er jedoch nicht. Und so sprach man sich schon untereinander ab, an welchem Automaten man noch etwas bekommt und wieviel.

Für den ersten Tag hatte ich genug.

Am Tag machte ich einen Spaziergang durch das Slumviertel Dharavi, der mich so begeisterte, dass ich für den darauffolgenden Tag bei der gleichen Organisation einen Stadtrundgang durch Mumbai angefragt hatte. Ich machte mich früh morgens auf den Weg und wartete vergeblich am vereinbarten Treffpunkt. Anstatt eines Reiseleiters habe ich Betty aus England dort getroffen, die ebenfalls eine Tour bei einem anderen Anbieter gebucht hatte. Wir unterhielten uns gut und ich zeigte ihr noch an welchen Geldautomaten sie sich mit Bargeld versorgen konnte.

Sie fragte mich, ob ich nicht Lust hätte sie auf ihrer Tour zu begleiten und da inzwischen durch eine Entschuldigungsmail meines Veranstalters klar war, dass niemand mehr kommen würde, freute ich mich über ihr Angebot und sagte natürlich zu. Der von ihr gebuchte Tourguide tauchte auch pünktlich auf und wir brachen zu dritt zu der von Betty gebuchten ‚Public Transport Tour‘ auf.

Unsere erste Station war die wichtigste Sehenswürdigkeit von Mumbai – das Gateway of India. Hier hat König George V. im Jahre 1911 zum ersten Mal indischen Boden betreten und ironischerweise verließen durch eben dieses Tor im Jahr 1948 die Truppen der britischen Kolonialmacht Indien wieder. Der Triumphbogen selbst wurde 1924 eingeweiht. Gleich daneben steht das beeindruckende Taj Mahal Palace Hotel, das zu den besten Hotels der Welt zählt.

Gateway of India
Gateway of India
Taj Mahal Palace
Taj Mahal Palace
Betty und ich starten unsere Tour
Betty und ich starten unsere Tour

Wie der Titel schon verrät handelt es sich bei einer ‚Public Transport Tour‘ um eine Tour, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestritten wird. Würde man das alleine versuchen wollen, wäre das ziemlich anstrengend. Das Bus- und Bahnsystem ist nicht so selbsterklärend, als dass man als Tourist ohne sehr viel Recherche durchsteigen würde. Und so bemerkte ich auch nicht, dass wir die ganze Zeit schon an einer Bushaltestelle standen. Wir sprangen auf und fuhren zu dem Bahnhof, in dessen Nähe ich wohnte. Er gilt als einer der schönsten Bahnhöfe der Welt und ist angeblich nach dem Taj Mahal das zweite am meisten fotografierte Gebäude des Landes. Das Rathaus gegenüber macht auch keine schlechte Figur.

Bahnhof Chhatrapati Shivaji Terminus - früher: Victoria Station
Bahnhof Chhatrapati Shivaji Terminus – früher: Victoria Station
Das Innere des Bahnhofes sieht wie eine Kirche aus.
Das Innere des Bahnhofes sieht wie eine Kirche aus.
Das Rathaus von Mumbai
Das Rathaus von Mumbai
Oval Maidan mit Blick auf das Oberste Gericht in Mumbai. Hier wird gerne Cricket gespielt.
Oval Maidan mit Blick auf das Oberste Gericht in Mumbai. Hier wird gerne Cricket gespielt.

Mit dem Zug ging es weiter Richtung Blumenmarkt. Hier zeigt sich ganz deutlich das Gesicht des ‚echten‘ Mumbais, abseits von Stadtzentrum und kolonialer Prachtbauten. Es war ein Sonntag und der Markt deshalb besonders gut besucht. Das Durchkommen durch die engen Straßen manchmal eine Qual. Menschen mit Platzangst haben in Mumbai definitiv nichts verloren. Dafür übertünchte der Duft der Blüten auf eine schöne Weise den ansonsten gewöhnungsbedürftigen Geruch der Metropole. Beeindruckend wie die Blüten für die hinduistischen Gebetskränze säckeweise verkauft wurden.

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Die größte Wäscherei des Landes hat es schwer. Auch in Indien gibt es vergleichsweise so etwas wie einen kleinen Aufschwung. Auch wenn die Situation aus unserer Sicht noch elend ist, in den letzten 10 Jahren hat sich schon einiges getan. Und so werden auch immer mehr Waschmaschinen an Privathaushalte verkauft und es ist nur noch eine Frage von Jahren bis sich dieser Anblick nicht mehr bietet.

5.000 Menschen waschen hier noch von Hand. Auch die Wäsche, die die Hotels in Auftrag geben. Gut möglich, dass irgendwo in diesen Bildern meine Wäsche dazwischen hängt, denn am nächsten Morgen wurde sie doch noch abgeholt. Die Arbeit ist hart. Meistens beginnt sie schon im Kindesalter. Wie in den Slums sind Arbeitsschutzbedingungen, wie wir sie kennen, ein Fremdwort. Von Sozialversicherungen ganz zu schweigen.  Wenige Cent bekommen die Wäscher pro Wäschestück. An guten Tagen schaffen sie bis zu 100 Stück pro Tag. Monatslohn liegt zwischen 100 und 120 Euro.

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Als letzte Station stand das Wohnhaus von Mahatma Ghandi auf unserem Programm. Ghandi führte durch einen gewaltfreien Widerstand das Ende der britischen Kolonialherrschaft herbei und gilt auch heute noch als Nationalheld. Das ist jetzt zugegeben die sehr kurze Version. Etwas ausführlicher wird es hier.

Ghandis Wohnhaus und Wirkungsstätte von 1917 bis 1934
Ghandis Wohnhaus und Wirkungsstätte von 1917 bis 1934
Wohn- und Arbeitszimmer
Wohn- und Arbeitszimmer
Sein Leben wurde in einer beeindruckenden Puppenausstellung dargestellt
Sein Leben wurde in einer beeindruckenden Puppenausstellung dargestellt
Appell an Hitler
Appell an Hitler

Unsere Tour endete am künstlichen Chowpatty Beach.

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Selten in Mumbai zu sehen, da herrenlose Kühe von den Behörden aus dem Stadtzentrum gebracht werden
Selten in Mumbai zu sehen, da herrenlose Kühe von den Behörden aus dem Stadtzentrum gebracht werden

Auch wenn ich mich am dritten Tag schon fast eingewöhnt hatte, Mumbai gehört bislang zu meinen größten Kulturschocks. Myanmar war für mich eine gute Vorbereitung. Selbst innerhalb Indiens gilt Mumbai als Ausnahmezustand. Die Menschenmassen sind erdrückend, das Chaos – insbesondere für uns Deutsche – erstmal undurchschaubar, die Armut verheerend. Ich habe mich oft gefragt, wie diese Stadt überhaupt noch funktionieren kann. Das liegt wirklich außerhalb meines Verständnisses.

Ich bin auf meinen Reisen immer ganz bewusst auf der Suche nach Kulturschocks. Und so wusste ich natürlich, dass der Sprung von Singapur nach Mumbai einer der gewagtesten Schritte ist, den man auf einer Reise gehen kann. Steckt man mittendrin, ärgert man sich vielleicht auch über das ein oder andere. Natürlich nur in mich hinein. Das was mich ärgert ist für meinen Gegenüber ja oft Normalität und er würde meine Verärgerung gar nicht nachvollziehen können. Und meistens sind es ja auch nur kleine Luxusprobleme, wie ein nicht funktionierendes Internet oder dass die Schlüsselkarte zu meinem Zimmer einfach kein einziges Mal funktioniert hat, ohne dass ich wieder fünf Stockwerke zur Rezeption musste, um sie neu codieren zu lassen.

Absurd auch die Schere zwischen arm und reich. Während in Mumbai 62% der Stadtbevölkerung, also 13 Millionen Menschen in Elendsvierteln leben steht dort gleichzeitig das teuerste Einfamilienhaus der Welt. Das ‚Antila‘ wurde von einem Öl-Milliardär erbaut. Für eine fünfköpfige Familie steht ein Wohnraum von 37.000 Quadratmetern zur Verfügung. 600 Bedienstete sollen für diese Familie arbeiten. Den restlichen Luxus kann man sich denken.

Ich bin dankbar für eine weitere, bereichernde Erfahrung. Und trotzdem, ich war froh, als ich Mumbai wieder verlassen konnte. Ein Wiedersehen wird es nicht geben.

Ein Gedanke zu „Mumbai“

  1. 1988 war ich in Bombay. Wie wenig sich veraendert hat! Und doch, es ist sicher noch krasser als ich es in Erinnerung habe. Ich war mit einer Gruppe von Studenten dort. Eine hat jeden Abend geheult. Sie hat das „Chaos“ dieser Stadt einfach nicht verkraftet. Wie immer spannend. Danke, Kim. ET

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