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Namaste, Indien!

Was für eine Erfahrung…

„Ich bin mir sicher nach Deinen zwei Wochen hier wirst Du Indien lieben“, orakelte mir ein Spanier in quietschbunten Klamotten, die ich nur an westlichen Sinnsuchenden und nie an indischen Männern gesehen habe. „Ich bin zum dritten Mal hier. Es ist so lebendig.“ Ich war erst am Abend zuvor in Mumbai gelandet und stand immer noch unter einem immensen Kulturschock. Trotz Vorbereitung entfaltete er seine volle Wirkung.

Ich hatte vor meiner Reise viel über Indien gelesen. Von Menschen, die einige Monate hier verbringen wollten, aber nach einigen Tagen die Flucht ergriffen hatten. Von begeisterten Fans, für die das Land der schönste, spirituellste oder heiligste Ort der Welt ist. Von dem unermesslichen Reichtum der Kultur, aber auch von den massiven Problemen.

„Oh Gott, Indien?“, sagte mir ein Freund einige Tage vor meiner Abreise entsetzt. „Da war ich nur einmal und war froh, als ich wieder draußen war. Da will ich nie wieder hin.“

Wenn ich Länder bereise, versuche ich so dicht wie möglich an die Realitäten heranzukommen und möchte mich nicht als geschützter Tourist von einem Luxushotel ins nächste transportieren lassen. Für Indien gab es jedoch einen Kompromiss.

Nach wie vor gilt das Land als schwierig für Individualreisende. Man könnte auch sagen, es ist eine Königsdisziplin für Rucksacktouristen. Vieles sei kompliziert, nichts wie wir es gewohnt seien und neben viel Zeit sei eine ungeheure Nervenstärke von Nöten. Was das heißt, sollte ich später noch erfahren.

Für die Hauptsehenswürdigkeiten in Rachasthan, oft das Einzige, was sich Touristen von Indien ansehen, habe ich über meinen lieben Freund und Reisespezialisten Uwe eine geführte 7tägige Tour zusammenstellen lassen. Sie bildete den Abschluss meiner 5wöchigen Reise und sollte mir neben etwas Entspannung eine ungeheure Zeitersparnis bringen.

Wichtig war für mich jedoch, Indien auch auf eigene Faust in der von mir gewohnten Holzklasse zu erfahren und so schlug mich die ersten 9 Tage im Land alleine durch.

Die ersten Eindrücke nach meiner Ankunft in Mumbai waren trotz intensiver Vorbereitung ein Schock. Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel führte an den Ärmsten der Armen vorbei. Wo ich hinsah waren die Gebäude in einem erbärmlichen Zustand. Der Verkehr laut und chaotisch. Überall Müllberge und Dreck. Weit und breit war nichts schönes auszumachen. Eine Infrastruktur, wie wir sie kennen, schon gar nicht. Menschen bauten sich aus allem was sie finden konnten ihr Obdach.

Und das sollte über all die Tage so bleiben. Abseits der Sehenswürdigkeiten und vor allem in ländlichen Regionen ist die Armut verheerend. Vom viel gepriesenen Wirtschaftsaufschwung profitiert nur eine kleine Ober- und Mittelschicht.

Es ist hochgradig irritierend, wenn unter einer hauswandgroßen Werbung für Smartphones verkrüppelte Menschen vor sich hin darben.  Und davon gibt es in Indien reichlich. Noch nie zuvor habe ich so viele Menschen mit körperlichen Behinderungen oder Amputationen gesehen. Ein alter Mann lag ohne Unterschenkel auf seinem Rücken auf einer viel befahrenen Straße. Viele Menschen hatten missgebildete Beine und bewegten sich auf dem Bauch liegend auf einem mit Rollen versehenen Holzbrett voran. Die meisten dieser Behinderungen resultieren aus Polio Erkrankungen. Noch in den 1980er Jahren gab es 1.000 neue Fälle in Indien pro Tag. Erst seit 2011 gilt die Krankheit angeblich als besiegt. Inzwischen gibt es Berichte über angebliche absichtliche Verkrüppelungen und Amputationen um seine Chancen als Bettler zu erhöhen. Ausschließen kann man es nicht.

Offensichtlich psychisch erkrankte Menschen werden völlig sich selbst überlassen. Ein nackter Mann riss auf einer Straßenkreuzung eine Zeitung in kleine Streifen. Auf 1 Millionen Menschen sollen in Indien lediglich 3 Psychologen kommen. Eine geistige Behinderung gilt als Schande. Menschenrechtsorganisationen berichten von unwürdigen Zuständen, in denen Behinderte in Indien leben müssen. Brutale Misshandlungen sind an der Tagesordnung.

Was sind da schon meine Probleme dagegen? Unterwegs hat mich der Verkehr mit seinem Lärm und dem Dauerhupen der Teilnehmer fast an den Wahnsinn gebracht. Staub, Müll und Dreck kamen noch dazu. Was mich anstrengt, ist das Zuhause für andere. Es ist mir völlig unbegreiflich, wie die Menschen ihr ganzes Leben direkt an diesen Straßen verbringen können. Ich denke seit ich hier bin darüber nach.

Inder geben den Bettlern so gut wie nie Geld. Sie argumentieren, dass man sie dadurch nur weiter ermutigen würde. Außerdem sind die Bettler organisiert und müssen bei ihren Chefs den Großteil ihrer Almosen abliefern. Man sagt auch, dass diese Chefs den Bettlern Verletzungen zufügen, um dann auf der Straße einen höheren Profit erzielen zu können. In Bodh Gaya wurden die Bettlerbanden zum Kalachakra angeblich mit dem Flugzeug eingeflogen. Ich kann kaum glauben, was ich da höre. Und kann nichts tun, außer hilflos zuzusehen.

Andere Dinge in Indien sind dagegen harmlos skurril. Es ist eigentlich völlig normal, dass alles nicht so funktioniert, wie man es erwartet. Ansprechpartner sind selten auf einen fixiert. Während man etwas bespricht, drängelt jemand anderes von der Seite dazu und von diesem Moment an versuchte mein Gegenüber zwei Probleme gleichzeitig zu lösen. Manchmal kam noch ein drittes oder viertes Problem hinzu. In der Regel musste ich ein zweites oder drittes Mal nachfragen, wann meine Sache denn erledigt werden würde und ich hatte immer den Eindruck, dass man unser jeweilig zuvor geführtes Gespräch völlig vergessen hatte.

Die Angaben über die Ausstattung der von mir gebuchten Zimmer in der Holzklasse waren grundsätzlich alle falsch. Oftmals waren meine Unterkünfte grenzwertig. Eigentlich nicht mal mehr das. Und nur mit viel Glück und einer guten Intuition bin ich reisetechnisch einem SuperGAU entkommen.

Von Bodh Gaya aus wollte ich mit dem Zug nach Varanasi fahren. Ein Ticket hatte ich von Deutschland aus bereits gebucht. Um 5 Uhr früh sollte die Reise starten und gute 6 Stunden dauern. Doch am Abend zuvor überkam mich eine starke Unlust am nächsten Morgen um 3 Uhr aufzustehen und ich buchte spontan ein Flugticket, um die gleiche Strecke bequem am Nachmittag und in 30 Minuten zu schaffen. Ein absoluter Glücksfall. Denn wie ich am nächsten Morgen erfuhr hatte mein Zug eine Verspätung von 15 Stunden. Tendenz steigend.

Eine Australierin erzählte mir, wie sie in Indien vor einigen Jahren drei Tage lang in einem Ort festsaß, der ihr Angst eingejagt hatte. Aus irgendwelchen ihr unerfindlichen Gründen waren die von ihr am Schalter gekauften Zugtickets bei Fahrtantritt immer für ungültig erklärt worden. Kurz vor einem Nervenzusammenbruch heulte sie sich auf ihrem Zimmer aus, als es plötzlich an der Tür klopfte. Unbeteiligte Inderinnen hatten die Szenerie beobachtet und brachten der Australierin Obst & Wasser und sie entschuldigten sich im Namen ihres Landes.

Es gibt sie, die schönen Seiten in all diesem Elend und abseits der Probleme. Eine prachtvolle Kultur, heilige Stätten und lebensfrohe und hilfsbereite Menschen.

Kinder spielten ausgelassen in den Straßen und in der Natur. Es war gerade Drachenfestival in Indien und ich kann nicht zählen, wie oft ich mich in diesen Tagen in Drachenschnur verheddert habe. Es müssen Tausende von selbstgebauten Drachen gewesen sein, die ich am Himmel gesehen habe. Und in Baumkronen und auf Dächern.

Als ich mit einer anfliegenden Erkältung in meinen viel zu dünnen Klamotten in meinen Frühstückscafé in Varanasi saß, verordnete mir der freundliche Inhaber eine heiße, ayurvedische Honig-Ingwer-Zitrone und wollte kein Geld dafür.

„Es gibt eine Ordnung in diesem Chaos“, belehrte mich einer meiner Reiseleiter. Und es muss tatsächlich so sein, denn irgendwie geht es auch hier in Indien immer weiter. Nur zu einem gewaltigen Preis, der sich über Gesundheits- oder Unfallstatistiken ablesen lässt. Ich finde es immer noch schockierend, dass alleine im überbevölkerten Mumbai täglich bis zu 10 Menschen durch Unfälle in Zügen sterben.

Wie Ihr Euch denken könnt, gäbe es noch wahnsinnig viel zu erzählen. Aber man kriegt es einfach nicht gefasst, dieses Indien. Es ist so unglaublich facettenreich.

Um auf die Behauptung des Spaniers am Anfang zurückzukommen: Nein! Ich „liebe“ Indien nicht. Aber es fasziniert mich. Ich habe meine Reise nicht bereut. Ich würde sie genau so wieder tun. Jedoch kein zweites Mal.

Mein Höhepunkt war ohne Zweifel das Kalachakra in Bodh Gaya miterleben und den Dalai Lama sehen zu dürfen. Ich bin am Buddhismus seit Jahren sehr interessiert und diese Tage waren etwas sehr Besonderes in meinem Leben.

Aber auch Varanasi, das Taj Mahal und mein Spaziergang durch die Slums haben ihre Wirkung nicht verfehlt.

Namaste, Indien!
Es war schön mit Dir!

 

2 Gedanken zu „Namaste, Indien!“

  1. Besser haettest Du es nicht beschreiben koennen. Denkst Du, ich schaffe das allein fuer zwei Monate? Oder habe ich mir da zuviel vorgenommen? ET

    1. Zwei Monate wären für mich unvorstellbar. Du bist jedoch eine viel erfahrenere Reisende als ich. Du hast schon so viel geschafft. Ich bin überzeugt davon, dass Du das auch schaffen wirst. Vielleicht solltest Du Dir ab und an eine schöne Rückzugsmöglichkeit gönnen um dem ‚Zuviel‘ von allem zu entfliehen. Eine Gedankenpause schaffen. Und Dir vielleicht den ein oder anderen Flug gönnen 🙂 Ich bin gespannt auf Deine Berichte.

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