Shalom, Israel

Gelobtes Land. Heiliges Land. Ewiger Krisenherd.
Zwei Tage auf den Spuren von Jesus Christus. 

Jetzt war es also doch passiert. Ich saß in einem der Pauschalmassentourismusbussen, auf die ich in den vergangenen Jahren mit einer gewissen Schadenfreude herabblickte. Ich war auf Reisen immer froh gewesen meinen eigenen Weg gehen zu können, mit so viel Zeit wie ich benötigte. In Israel wurde mir jedoch schnell klar, dass mich eine Rucksacktour vor dem Ansturm der Massen nicht hätte schützen können.

An zwei Tagen haben Jens und ich uns mit zwei hochspannenden, geführten Touren auf die Spuren von Jesus Christus begeben. Ich wollte schon immer einmal die Orte besuchen an denen sich die Geschichte zugetragen haben soll, die die Jahrtausende überstanden hat und auch heute noch die Grundlage für viele Millionen Menschen ist.

Ich bin zwar kein Mitglied der Kirche mehr und öffnete mich den letzten Jahren immer mehr dem Buddhismus, meine christliche Prägung begleitet mich jedoch bis heute. Bei mir geht das tatsächlich soweit, dass ich bei einer Verunglimpfung von Jesus Christus ein schlechtes Gefühl bekomme und ich es mich auch nie wagen würde, im Namen Gottes zu sprechen oder Andersdenkende zu verurteilen. Ganz im Gegensatz zu so manchem selbsternannten Stellvertreter auf Erden in den Kirchen und ihrer zahlreicher Abspaltungen. Die Trennung von Kirche und Staat hat hierzulande durchaus noch Potential. Ich habe mich auch über meinen Kirchenaustritt hinaus noch mit der Person Jesus Christus auseinandergesetzt und bin mit den wichtigsten Stationen seines Lebens und Wirkens vertraut. Für mich war völlig klar, dass unser erster Israel Aufenthalt unter diesem Motto stehen muss.

Auf den Spuren von Jesus Christus

Der erste Hafen Israels, den wir im Rahmen unserer Kreuzfahrt durchs östliche Mittelmeer ansteuerten, war Haifa. Von hier aus fuhren wir als erstes nach Nazareth, dem Ort, an dem der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria verkündete, dass sie den Sohn Gottes vom Heiligen Geist empfangen und gebären würde. Über der Höhle, an der sich dieses Ereignis zutrug, wurde 1955 mit der Verkündigungsbasilika das inzwischen fünfte Gotteshaus an dieser Stelle errichtet. Die erste Kirche gab es hier vermutlich schon im 4. Jahrhundert nach Christus. Die Verkündigungsbasilika ist eine der wenigen zweistöckigen christlichen Kirchen und sehr modern gehalten. Im Inneren ist sie mit Mosaiken und Kunstwerken aus aller Welt geschmückt. Herzstück ist die Verkündigungsgrotte, eben jene Höhle, in der die Jungfrau Maria gelebt haben soll. Der Kirchturm ist im Stile eines Leuchtturms gehalten, der das Licht und die Botschaft weit in die Welt tragen soll. Die Verkündigungsbasilika gilt als eine der höchsten heiligen Stätten des Christentums und des Nahen Ostens. Papst Johannes Paul II und Papst Benedikt haben hier heilige Messen gefeiert.

Einige Schritte davon entfernt befindet sich der Ort an dem Josef, Marias Bräutigam, gelebt und seine Werkstatt gehabt haben soll, in der der junge Jesus seine Ausbildung zum Zimmermann erhielt. Darüber wurde 1914 die Josefskirche errichtet.

Die Verkündigungsbasilika in Nazareth

Prachtvolle Mosaike und Kunstwerke schmücken den Kreuzgang
Erst nach dem Fall der Berliner Mauer eröffnete der Künstler, dass die Trennung der Kinder auf seinem Kunstwerk die deutsche Teilung symbolisieren sollte.

Altarraum mit der Grotte in der Maria die Verkündigung empfangen hat

Blick in die Grotte der Maria

Das obere Stockwerk der Kirche
Das Kleid in diesem wundervollen japanische Kunstwerk ist mit echten Perlen besetzt
Der Kirchturm ist im Stil eines Leuchtturms gehalten
Die Josefskirche
An dieser Stelle hat Josef, Marias Bräutigam, gelebt und gearbeitet

Auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel passierten wir Kana. Hier vollbrachte Jesus ein Wunder, als er auf einer Hochzeit auf Bitten seiner Mutter Wasser zu Wein wandelte. An der Stelle, wo früher die Synagoge stand, in der die Hochzeit gefeiert wurde, steht heute die 1886 errichtete Hochzeitskirche. Außerdem fuhren wir an Magdala vorbei, dem Ort, aus dem Maria Magdalena stammt.

Wir erreichten schließlich Kafarnaum am See Genezareth, eine wichtige Wohn- und Wirkungsstätte von Jesus Christus. Er wohnte im Hause seines Jüngers Petrus und dessen Schwiegermutter, die er im Rahmen eines Wunders geheilt haben soll. Immer wieder ist Jesus von seinen Reisen nach Kafarnaum zurück gekehrt und lehrte hier auch in der Synagoge. Außerdem sollen viele seiner Jünger aus Kafarnaum stammen und sich hier Jesus angeschlossen haben. Über der Ausgrabungsstätte des Wohnhauses wurde die moderne  Petruskirche erbaut. Durch einen gläsernen Boden kann man in die Wohnstätte blicken. Die benachbarten Überreste einer Synagoge stammen aus dem 3. bis 4. Jahrhundert nach Christus.

Skeptisch im Pauschaltouristenstrom

Die Petruskirche thront wie ein Ufo über der Ausgrabungsstätte
Innenraum der Kirche mit gläsernem Boden
Blick in die Überreste des Wohnhauses in dem Jesus bei Petrus und dessen Schwiegermutter gelebt haben soll
Blick unter die Kirche auf die Ausgrabungsstätte
Synagoge aus dem 3. bis 4. Jahrhundert

Nach einem ganz grandiosen Mittagessen direkt am See Genezareth ging es weiter nach Tabgah, der Ort an dem die wundersame Brotvermehrung stattfand. Jesus Christus sprach hier vor 5000 Zuhörern. Als die Menschen hungrig zurück ins Dorf gehen wollten sagte er seinen Jüngern, sie sollen ihnen hier zu essen geben. Diese erwiderten, dass sie nur 5 Brote und  2 Fische hätten. Er blickte zum Himmel auf, sprach einen Lobpreis und ließ die Brote und Fische unter den Zuhörern verteilen. Alle aßen davon. Und als die Jünger die Reste einsammelten wurden zwölf Körbe voll.

Die Stelle an der dies geschehen sein soll, genauer der Stein, auf dem Jesus Christus das Brot und die Fische abgelegt haben soll, befindet sich heute unter dem Altar der Brotvermehrungskirche, die 1982 hier errichtet wurde und dem deutschen Verein vom heiligen Lande, einer römisch-katholischen Organisation mit Sitz in Köln gehört. 

Wunderbares Essen und einen Moment der Ruhe direkt am See Genezareth
Die Brotvermehrungskirche

Auf dem Stein unter dem Altar soll Jesus das Brot und die Fische abgelegt haben

Ganz in der Nähe hat Jesus Christus seine Bergpredigt gehalten. Außerdem soll er auf dem Berg der Seligpreisungen die Apostel unter seinen Jüngern ausgewählt haben. An dieser Stelle wurde die Kirche der Seligpreisungen erbaut.

Kirche der Seligpreisungen – Ort der Bergpredigt

Wunderbarer Ausblick über den See Genezareth

An all diesen Stationen war viel los. Ich war erstaunt, wieviele christliche Reiseveranstalter es für Pilgerreisen gibt. Nicht nur die Busse auf den Parkplätzen verrieten uns aus welchen Teilen der Welt die Menschen nach Israel gekommen sind. Abertausende Gläubige in den verschiedensten Ordenstrachten oder T-Shirts mit christlichen Motiven und Botschaften schoben sich derart in Massen durch den Lebensweg Christi, dass die Besinnlichkeit keine Chance hatte. 2000 Jahre nach seinem Wirken war es auch hier wie überall sonst auf der Welt. Ein Innehalten sah man selten, die Beschäftigung mit dem Digitalen dafür umso mehr.  In Echtzeit teilten viele Besucher ihre Eindrücke auf allen Kanälen. Manchmal verwandelten sich die heiligen Orte in Selfie Kulissen. Fotoverbote wurden ignoriert und fortlaufend mussten die Gäste zur Ruhe ermahnt werden.

Lebendig und laut, aber auf eine wundervolle Art und Weise, wurde es an unserer letzten Station des ersten Tages in Jardenit am Jordan, dem Fluss, in dem Jesus Christus durch Johannes dem Täufer getauft wurde. Heute kommen jährlich 500.000 Christen aus aller Welt an diesen Ort, um sich taufen zu lassen. Glücklicherweise taten das auch am Tag unseres Besuches viele Menschen. Es war sehr bewegend das Glück und die Ergriffenheit der Gläubigen zu beobachten, für die dieser Moment eine Erneuerung ihres Bekenntnisses und ihrer Liebe zu Jesus Christus ist. Es wurde gesungen, gelacht und geweint. Ein amerikanische Priester forderte uns Zuschauer vom Wasser aus auf, dass wir applaudieren und jubeln sollen. Und wir machten mit.

“Das ist mein Mann”, sagte eine amerikanische Frau stolz neben mir und ich stieg sofort in das Gespräch ein. Die freikirchliche Gemeinde war extra aus Kalifornien angereist, um die Gläubigen im Jordan zu taufen. Die Frau des Priesters dokumentierte jede einzelne Taufe mit ihrem iPhone. Ich merkte an, dass ich den Eindruck habe, dass die Christen in den USA viel näher zusammenleben, als ich das von Deutschland her kenne. Wie fast jeden Satz in unserem Gespräch, begann sie auch diesen mit den Worten “Unser Herr Jesus Christus…” und erklärte “…hat die Kraft die Menschen zusammenzubringen.” Zum Abschied wünschte sie mir, dass Jesus auch in mein Leben treten würde. Ich weiß nicht, ob sie mir geglaubt hat, als ich ihr versicherte, dass er schon in meinem Leben ist. Wenn auch nicht ganz so lebensbestimmend und intensiv wie bei streng praktizierenden Christen.

Taufstelle am Fluss Jordan

Tausende Gläubige aus aller Welt kommen hierher um ihr Glaubensbekenntnis zu erneuern

Das Glück der Menschen hat uns ergriffen
Blick über den Fluss Jordan

Der nächste Hafen auf unserer Kreuzfahrt war Ashdod. Von dort aus besichtigten wir Jerusalem. Selbstverständlich sind auch noch andere Mitreisende auf die gleiche Idee gekommen und so offenbarte sich bei unserem Blick aus der Kabine am nächsten Morgen der ungeschönte und totale Wahnsinn solch einer Reise, der nicht einmal komplett auf das Foto passte. Wie wir am Abend erfuhren haben sich an diesem Tag alleine von unserem Schiff aus 39 Reisebusse auf dem Weg in die heilige Stadt gemacht. Trotz aller Probleme ist die Anziehungskraft ungebrochen. Jedes Jahr kommen immer mehr Touristen nach Israel und insbesondere nach Jerusalem. Im vergangenen Jahr 2017 meldete man einen neuen Rekord von 3,6 Millionen Besucher.

Die Reisebusse stehen im Hafen von Ashdod bereit

Nach etwa eineinhalb Stunden Fahrt erreichten wir Jerusalem und begannen unseren Tag am Ölberg, einem sehr wichtigen Ort sowohl für das Judentum, das Christentum, als auch für den Islam. Jesus Christus zog vom Ölberg aus in Jerusalem ein und fuhr nach seiner Auferstehung vom Ölberg in den Himmel auf. Nach jüdischem Glauben wird der Messias über den Ölberg nach Jerusalem einziehen und im Tal am Fuße des Hügels das Jüngste Gericht halten. Auch die Muslime glauben, dass dies der Ort des endzeitlichen Gerichts ist. Nach ihrer Vorstellung wird ein Seil vom Tempelberg zum Ölberg gespannt, über das die Gerechten hinübergehen werden.

Am Fuße des Ölberges befinden sich unzählige Gräber von Gläubigen, die sich – ganz salopp gesagt – einen Platz in der ersten Reihe sichern wollten, für den Moment, in dem die Zeit endet. Mir kam sofort mein Ausflug nach Varanasi in Indien in dem Sinn. Dies ist der heiligste Ort der Hinduisten. Sie glauben, wer am heiligen Fluss Ganges stirbt wird den Kreislauf der Wiedergeburten durchbrechen und in die Ewigkeit einkehren.

Der Ausblick vom Tempelberg auf Jerusalem fällt in die Kategorie atemberaubend. Wie viele tausend Mal hat man dieses Panorama schon auf Fotos sehen können – es mit eigenen Augen zu sehen war unbeschreiblich. Dem Tempelberg werden grundlegende Episoden der biblischen Geschichte zugeschrieben. Zu viele um hier auch nur annähernd alle zu nennen. Nach jüdischem Glauben hat Gott an dieser Stelle die Erde entnommen, aus der er Adam formte. Nach christlichem, muslimischen und jüdischem Glauben war hier die Stelle, an der Abraham auf Gottes Befehl seinen Sohn Isaak opfern wollte. Vor 3000 Jahren wurde auf diesem Hügel der erste Tempel Jerusalems durch König Salomon erbaut. Nach dessen Zerstörung wurde im 6. Jahrhundert vor Christus der zweite Tempel gebaut, der im Jahr 21 vor Christus – inzwischen sehr baufällig – von Herodes dem Großen grundlegend umgestaltet wurde. Der Tempel, der uns im Neuen Testament immer wieder begegnet. Jesus ging zu Lebzeiten in diesem Tempel ein und aus. Am Bekanntesten ist wohl seine sogenannte Tempelreinigung, der zufolge er die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel vertrieb und dabei predigte, dass der Tempel als Haus des Gebetes dem Gottesdienst vorbehalten bleiben sollte.

Der heute auf dem Tempelberg dominante Felsendom wurde in den Jahren 687-691 nach Christus erbaut, über dem Felsen auf dem Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte. Nach islamischem Glauben soll der Prophet Mohammed von diesem Felsen aus seine Himmelfahrt angetreten haben. Die al-Aqsa-Moschee wurde zwanzig Jahre später in den Jahren von 706-717 nach Christus erbaut. Sie gilt nach Mekka und dem Grab des Propheten in Medina als drittwichtigste Moschee des Islams.

Bei soviel Schönheit ist es eigentlich kaum zu fassen, dass dieser Ort einer der konfliktreichsten auf unserem Planeten und in der Menschheitsgeschichte ist. Für alle drei Religionen ist der Tempelberg ein sehr wichtiger Ort. Allerdings ist er für Nicht-Muslime nicht zugänglich. Immer wieder schaffen es einzelne Juden auf das Plateau zu gelangen, um dort illegalerweise zu beten. In der Vergangenheit konnten größere Terroranschläge durch die israelische Regierung vereitelt werden, die Liste der Konflikte ist jedoch lang. Nachdem bei einem Anschlag 2017 zwei israelische Polizisten am Zugang zum Tempelberg getötet wurden, verstärkte die Polizei die Sicherheitskontrollen und stellte Metalldetektoren von den Eingängen auf. Dies wurde von den Muslimen als Provokation gewertet und es kam zu Ausschreitungen, die weitere Todesopfer forderten. Weiter geschürt wird der Konflikt durch fundamentalistische Gruppen, die ankündigten, auf dem Tempelberg den Grundstein für den Bau eines dritten jüdischen Tempels legen zu wollen. Dies führte zu internationalen Protesten. In der israelischen Öffentlichkeit erfährt dieses Vorhaben genau so wenig Rückhalt, wie von den Rabbinern. Die glauben, dass der dritte Tempel nicht von Menschen, sondern von Gott erbaut werden wird, wenn der Messias kommt.

Blick vom Ölberg auf Jerusalem
Der Felsendom auf dem Tempelberg
Das zugemauerte Goldene Tor, durch das Jesus als Messias nach Jerusalem einzog.
Der friedliche Schein trügt. Der Tempelberg ist einer der größten Konfliktherde unseres Planeten.
Gräber am Ölberg. In der ‘ersten Reihe’ am Ende der Zeit.

Am Fuße des Ölbergs liegt der Garten Gethsemane. In der Nacht vor der Kreuzigung nach dem Abendmahl betete Jesus Christus hier zu Gott, bevor er hier von Judas verraten und von Abgesandten des Hohepriesters verhaftet wurden. Schon zu biblischen Zeiten wuchsen in diesem Garten Olivenbäume. In der angeschlossenen Kirche aller Nationen berühren Gläubige den Boden, auf dem das Schicksal Jesu besiegelt wurde.

Garten Gethsemane
Der Ort an dem Judas Jesus Christus verraten haben soll
Die Kirche aller Nationen
Gläubige berühren den Boden auf dem Jesus betete

An der Stelle, an der Jesus mit seinen Jüngern am Abend zuvor das letzte Abendmahl gefeiert haben soll, steht heute die römisch-katholische Dormitio Basilika. Ein Saal aus dem Mittelalter soll an das Abendmahl erinnern.

Weg zur Dormitio Basilika
Dormitio-Basilika
Abendmahlsaal mit Touristenansammlung
Ein Ölbaum als Symbol für das letzte Abendmahl

Spektakulärer war der Blick vom Dach der Kirche aus auf den Ölberg, dem Ort, an dem der Messias wiederkehren wird mit den darunter liegenden Gräbern. 

Blick auf den Ölberg mit Gräbern – im Vordergrund die für Muslime wichtige al-Aqsa Moschee

Ein besonderer Moment war unser Besuch an der Klagemauer, einem Teil der westlichen Umfassungsmauer des zerstörten Herodianischen Tempels. Der Tempel galt im Judentum als der heiligste Ort, an dem Gott zu den Gläubigen kommt. Nach dessen Zerstörung gelten nunmehr die Überreste der Mauer als wichtigstes Heiligtum. Die Gläubigen beten hier und stecken kleine Zettel mit Wünschen, Danksagungen und Gebeten in die Ritzen der Mauer. Zweimal im Jahr werden diese Zettel auf dem jüdischen Friedhof auf dem Ölberg begraben.

Jens war der Besuch an der Klagemauer sehr wichtig. Er hatte einmal eine jüdischen Lebensgefährten und dadurch sehr viel über die jüdische Kultur erfahren können. Auch für mich war es ein ergreifender Moment. Das geht mir immer so, wenn ich an Orte komme, die für so viele Menschen so unglaublich wichtig sind. Man spürt die Energie, die sowohl von den Menschen, als auch von den Orten ausgeht. Wir hielten einen Moment an der Mauer inne. Einen Zettel habe ich nicht in die Mauer gesteckt, aber meine Wünsche gedanklich gen Himmel geschickt.

Männer und Frauen beten an der Klagemauer getrennt. Wir wurden problemlos vorgelassen. Hier hätte ich mir gewünscht mehr Zeit zu haben, um das Treiben an diesem besonderen Ort in den Abendstunden in aller Ruhe beobachten zu können.

Gläubige an der Klagemauer
Jens an der Klagemauer

Zum Abschluss des Tages wurde es nochmal so richtig anstrengend. Seit Beginn der Tour hatte unser Reiseleiter uns auf diesen Moment eingeschworen und unentwegt wiederholt, wie wichtig es ist, dass wir als Gruppe versuchen zusammenzubleiben und nicht unabgemeldet irgendwo stehen zu bleiben. Wir begaben uns in die engsten Gassen der Altstadt Jerusalems, der Via Dolorosa, dem schmerzhaften Weg. Diesen Weg musste Jesus Christus vor seiner Kreuzigung vom Amtssitz von Pontius Pilatus zur Hinrichtungsstätte auf dem Hügel Golgota zurücklegen. Dabei musste er auf einem Großteil der Strecke das Kreuz selbst tragen.

Und wie angekündigt brach hier endgültig der Wahnsinn über uns herein. Abertausende Pilger, Gläubige und Touristen schoben sich über den Prozessionsweg in Richtung Grabeskirche. Als wird diese endlich erreichten gab es für mich einen kurzen Moment der Enttäuschung. Unser Reiseleiter sagte, dass wir zeitlich wohl keine Chance mehr hätten die Kirche zu besuchen. Aber nicht nur für mich war ein Besuch dieses Ortes wichtig. Und so blieben uns lächerliche zehn Minuten um die Stelle zu besuchen, an der die Kreuzigung stattfand und wo sich das Grab Jesu befand, aus dem er wieder auferstand.

Ich stellte meinen Unmut zurück und stürzte mich mit Jens ins Getümmel. Von den vielen wichtigen Stätten konnten wir im Vorbeigehen nur zwei besichtigen: Die Stelle an der das Kreuz gestanden haben soll über der heute ein schmuckvoller Altar steht und die Stelle, an der sich das Grab Jesu befunden haben soll, überbaut durch die Heilig-Grab-Ädikula.

Die engen Gassen der Via Dolorosa
Die Grabeskirche

Unter dem Altar befindet sich der Felsen, auf dem das Kreuz Jesu gestanden haben soll
Das Grab Jesu überbaut durch die Heilig-Grab-Ädikula

Zwei Tage Israel. Zwei Tage auf den Spuren von Jesus Christus. Das waren zwei sehr anstrengende, aber unvergessliche Tage. Die Besinnlichkeit blieb im Massentourismus weitestgehend auf der Strecke und bei so einer Druckbetankung kommt man mit dem Verarbeiten der Eindrücke überhaupt nicht hinterher. Ich hatte mich nicht auf den Besuch vorbereitet, weil ich nicht schon im Vorfeld alles auf Fotos sehen wollte. Ich hatte aus meiner Kindheit noch eigene Bilder der biblischen Geschichten im Kopf. Weitere kamen durch popkulturelle Einflüsse über die Jahrzehnte hinzu. Was ich nun sah hatte natürlich überhaupt nichts mehr damit zu tun.

Einige Teile unserer beiden Ausflüge habe ich unter den Tisch fallen lassen. Anstatt ein mittelmäßiges 4D Kino zu besuchen, in dem man auf viel zu lauten Rüttelplatten in einer simulierten Zeitmaschine durch die Geschichte der Stadt gejagt wurde und einer Mittagspause in der Shoppingmeile des neuen Jerusalem, wäre mir eine Pause im jüdischen Viertel auf einen Kaffee oder mehr Zeit an der Klagemauer oder vor allem in der Grabeskirche lieber gewesen. Individualität, die ich normalerweise gewohnt bin.

Natürlich ist nie immer nur alles schlecht. Die ersten Eindrücke waren fantastisch und die Ausführungen der Reiseleiter sehr wertvoll. Jens und ich haben beschlossen Israel einen zweiten Besuch abzustatten. Dann auf eigene Faust und mit mehr  Zeit. Wir wollen mehr sehen. Die Geschichte dieses Landes, egal ob historisch oder aktuell, ist so immens, dass man vermutlich nie alles wird verstehen können.

Wie schön wäre es, wenn alle Religionen irgendwann an diesem für sie wichtigen Platz in Frieden miteinander leben könnten… Und nicht nur dort… Träumen darf man.

Shalom!

3 Gedanken zu „Shalom, Israel“

  1. Lieber Kim, wie immer habe ich Deinen Bericht aufgesaugt. Deine Ausführungen und Fotos haben mich diesmal sehr ergriffen. Mir sind die Tränen gelaufen. Obwohl ich nicht live dabei war, es hat was mit mir gemacht. Ich danke Dir, dass Du mich immer wieder teilhaben lässt mit Deinen genialen Beschreibungen. Ich hab Dich sooo lieb. Deine Moni

  2. Lieber Kim! Ich kann mich Moni nur anschließen. Auch ich war total ergriffen von deinen Erzählungen. Man hat immer ein bisschen das Gefühl, als wäre man dabei gewesen. Einfach toll, dass du das alles teilst! Du solltest bald anfangen, ein Buch zu schreiben. Danke! Bis irgendwann mal wieder in der “Heimat” ;-). Gruß und Kuss aus Steinau, Kathrin

  3. Lieber Kim, hallo Jens!
    Zweimal im Leben habe ich das Glueck gehabt in Jerusalem und Israel zu reisen. Dein Bericht hat mich in sentimentales Dejavu versetzt. Ganz toll. Mehrere Ecken habe ich wieder erkannt. Und Dein Bericht war wie immer bewegend.
    Darf man nun gar nicht mehr auf den Haram al Sharif, den Temple Mount? Vor 25 Jahre war ich noch im Felsendom und vor 5 Jahren noch auf dem Berg, ohne zu schummeln… Das waere ein ganz grosser Verlust fuer uns alle. Warum?! ET

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