Ägyptisches Wiedersehen

Wer hätte das ahnen können? Mein ganzes Leben lang träumte ich davon die Pyramiden von Gizeh zu sehen und nun stattete ich ihnen innerhalb eines Jahres schon zum zweiten Mal einen Besuch ab. Von einer schönen Braut am Mittelmeer, Jens als Hauptattraktion auf der Promenade, einer wundervollen Lektorin und einem ungewöhnlichen Wiedersehen in Kairo. 

Auf so einer Kreuzfahrt ist ja wirklich alles perfekt organisiert. Wenn alle Beteiligten mitspielen. In der Regel kommen die Grenzbeamten der Zielländer schon vor dem Anlegen im Hafen an Bord, damit schon alle Einreiseformalitäten vor Verlassen des Schiffs erledigt sind. Man wird dann in einem bestimmten Zeitfenster zur Passkontrolle ins Restaurant, in die Disco oder den Konzertsaal gebeten. In Ägypten hat das dieses Mal nicht ganz so gut geklappt. “Sie haben es vielleicht schon gehört”, schmunzelte unsere Lektorin Nadja Münchenhagen zu Beginn ihres Vortrages über Alexandria. “Die Grenzbeamten sind nicht wie vereinbart an Bord gekommen. Willkommen in Ägypten.”

Nadja Münchenhagen war für mich der größte Gewinn auf dieser Reise, von der ich so viele Vorbehalte hatte. Ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass ich anderes Reisen gewohnt bin. Mit viel Zeit um in die Kultur der Länder einzutauchen und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in aller Ruhe zu erforschen, aber auch um sich abseits der üblichen Wege umzusehen. Deshalb war ich sehr glücklich, als ich erfuhr, dass auf den Reisen der ‘Mein Schiff’ Flotte immer landeskundliche Vorträge angeboten werden. Auf unserer Reise hatten wir das Vergnügen Nadja Münchenhagen als Lektorin an Bord zu haben.

Nadja hat früher redaktionell fürs Fernsehen gearbeitet und lebt seit gut 20 Jahren auf dem Sinai. Ihre Ausführungen über Ägypten waren dadurch auch gespickt mit persönlichen Anekdoten, wertvollen Tipps und einem Foto aus ihrem Küchenfenster mit Blick aufs Meer. Und einem Kamel. Ihre unterhaltsamen Vorträge gaben mir für jedes Ziel das Gefühl gut vorbereitet zu sein. Außerdem fasste ihr Mantra mein Begehren perfekt zusammen. Denn zum Ende jedes Vortrags forderte Nadja ihrer Zuhörer auf: “Entdecken Sie Neues. Erleben Sie Schönes.”

Alexandria

Alexandria ist die zweitgrößte Stadt Ägyptens und dehnt sich 32 Kilometer entlang der Mittelmeerküste aus. Mit ihrem internationalen Flughafen und dem größten Seehafen Ägyptens ist sie neben Kairo die wichtigste Stadt des Landes. Über 5 Millionen Menschen leben im Großraum Alexandria. In den Sommermonaten kann die Einwohnerzahl auf über 8 Millionen anwachsen. Wer es sich leisten kann in den Urlaubsmonaten dem Moloch Kairo zu entfliehen – eine der schmutzigsten Städte unseres Planeten – der verbringt seine Zeit im nahegelegenen Alexandria.

Um 280 vor Christus soll hier der Pharos von Alexandria, der Leuchtturm von Alexandria erbaut worden sein, der zu den sieben Weltwundern der Antike gehört. Mit einer Höhe von schätzungsweise 115 bis 160 Metern gehörte er zu seiner Zeit zusammen mit den zwei großen Pyramiden von Gizeh zu den drei höchsten Bauwerken der Welt. Durch ein Erdbeben vor Kreta und dem dadurch ausgelösten Tsunami wurde der Leuchtturm in den frühen Stunden des 21. Juli 365 nach Christus zerstört. Dieser Tsunami wurde vom römischen Historiker Ammianus Marcellinus schriftlich erstaunlich genau dokumentiert und war in seinen Ausmaßen so heftig, dass man sich noch im 6. Jahrhundert am Jahrestag der Katastrophe an den ‘Tag des Schreckens’ zurück erinnerte.

Jens und ich hatten für Alexandria keinen Ausflug gebucht, sondern beschlossen unsere Kräfte für den nächsten Tag zu sparen, an dem eine längere Fahrt nach Kairo zu den Pyramiden von Gizeh auf unserem Plan stand. Insofern wollten wir lediglich einen kurzen Spaziergang auf eigene Faust in das Zentrum von Alexandria unternehmen und verließen in den Mittagsstunden ganz entspannt das Schiff und den Hafen von Alexandria, an dessen Eingang wir uns mit unserer Kabinennummer auf einer Papierliste eintragen mussten. Direkt vor den Toren des Hafens thront die wunderschöne Ibn Khaldoon Moschee. Wir liefen ohne weiteren Plan einfach in die Innenstadt. Die ersten Kreuzfahrer kamen uns sichtlich überfordert entgegen und waren bereits wieder auf dem Rückweg zum Schiff.

Ich freute mich auf das Abtauchen in die ägyptische Alltagskultur und war gespannt, wie Jens darauf reagieren würde. Und schon einige Straßen weiter fanden wir uns in einer anderen Welt wieder. Ein buntes Markttreiben verstopfte die Straßen. Es war wunderbar geschäftig, laut und lebendig. Ich wusste gar nicht wohin ich zuerst schauen sollte und Jens war einigermaßen beleidigt, dass er nicht von der Straßenküche kosten durfte, vor der auf dieser Reise bei sich jeder bietenden Gelegenheit eindringlich gewarnt wurde. Manches sah auch wirklich verführerisch aus. Meinen Magen würde ich jedoch nicht auf die Probe stellen wollen.

 

Die ‘Mein Schiff 3’ im Hafen von Alexandria
Direkt vor den Toren des Hafens – die Ibn Khaldoon Moschee
Markttreiben und Stadtbild Alexandria

Wir schlugen uns bis zur Promenade am Meer Corniche durch und schlenderten am Meer entlang in Richtung Kait-Bey-Zitadelle, eine Verteidigungsfestung aus dem 15. Jahrhundert, die an der Stelle erbaut wurde, wo einst der Leuchtturm von Alexandria stand. Die Stimmung war herrlich. Eine sanfte Brise umgab uns und viele Einheimische genossen die Nachmittagsstunden am Meer. Jens durfte eine Erfahrung machen, die mir so oft in Asien widerfuhr – er wurde wie ein Popstar behandelt. Mit seiner tätowierten Wade und seinem Nasenring – beides im muslimischen Glauben verboten – war er die Attraktion des Tages. Ich lief hinter ihm und hatte große Freude daran die Blicke der Ägypter zu beobachten. Eine ältere Dame fotografierte ihn sogar zusammen mit ihrer Enkelin.

Kait-Bey-Zitadelle
Promenade Corniche

Wir besichtigten die Abu-I-Abbas-al-Mursi-Moschee, die sich ganz in der Nähe befand. Ein wunderschöner Bau, der von 1929 bis 1945 nach den Plänen von italienischen Architekten erbaut wurde, die sich an der Architektur des alten Kairos orientierten. Die bedeutendste Moschee der Stadt ist achteckig und hat ein 73 Meter hohes Minarett.

Abu-l-Abbas-al-Mursi-Moschee

Wir liefen weiter an der Meerespromenade entlang in die entgegengesetzte Richtung, um einen Blick auf die Stadtbibliothek zu werfen, ein sensationeller Prestigebau aus dem Jahre 2002 für insgesamt 218 Millionen US-Dollar. Eine gewaltige Summe, die angesichts des hohen Anteils von Analphabeten und der gewaltigen Armut im Lande für internationale Kritik sorgte. Die Stadtbibliothek entstand unter der Schirmherrschaft der UNESCO und hat Platz für 8 Millionen Bücher. Im Moment hat die Bibliothek jedoch nur einen Bruchteil ihrer Regale gefüllt, da die Mittel für die Anschaffung weiterer Bücher fehlen.

Der Neubau wurde in der Nähe der Stelle errichtet, an der sich die antike Bibliothek von Alexandria befand, die im 3. Jahrhundert vor Christus entstand und für die damalige Zeit einen enormen Bestand an Schriftrollen verwaltete. Der Umfang ist jedoch bis heute unbekannt. Schätzungen reichen von 50.000 bis 700.000 Schriftrollen. Bis heute ist kein Schriftstück entdeckt worden, das man dieser Bibliothek hätte zuordnen können. Die Bibliothek von Alexandria gilt als Urform einer Bibliothek wie wir sie heute kennen. Wann und wie genau sie zerstört wurde ist bis heute unbekannt.

Für uns war mit dem Blick auf das zur Bibliothek gehörende Planetarium jedoch leider auch schon Schluss. Das Gebäude war abgesperrt und offensichtlich für eine Veranstaltung geschlossen. Eine kleine Enttäuschung zwar aber wir wurden auf unserem Weg mit vielen Eindrücken des Stadtlebens entschädigt. 

Grabmal des unbekannten Soldaten
Stadtbild Alexandria
Sea Bridge Statue

So langsam wurde es Abend in Alexandria und vor lauter Herumschlendern hatten wir völlig die Zeit vergessen. Und den Rückweg. Meine Idee mir das nostalgische Werbeschild für koreanischen Hankook Reifen zu merken erwies sich als keine gute Idee. Das hing tatsächlich an jeder zweiten Kreuzung. So irrten wir einige Zeit durch das Viertel und erlebten noch wie durch etliche Lautsprecher der Muezzin zum Gebet rief.

Abendstimmung in Alexandria
Ibn Khaldoon Moschee am Abend
Die TUI Mein Schiff 3 im Hafen von Alexandria

Am Hafen angekommen wurde es skurril. Der Beamte, bei dem wir uns bei Verlassen des Hafens in eine Papierliste eingetragen hatte, war umringt von unseren Mitreisenden, die die einzelnen Seiten der Liste untereinander herumreichten. Einige Seiten gingen dann auch durch unsere Hände und wir konnten uns schließlich finden und auf ägyptische Art und Weise zurück melden. Wir hätten allerdings auch einfach zwei andere Einträge aushaken können. Das wäre niemandem mangels System aufgefallen.

Mit den Eindrücken von Alexandria stand am nächsten Tag – für mich zum zweiten Mal – ein Besuch von Kairo auf dem Programm. Natürlich mit einem Besuch an den Pyramiden von Gizeh mit der Sphinx als Höhepunkt. Letztes Jahr hatte ich mir diesen Traum schon erfüllen dürfen, als Uwe und ich es mit unserem “Kairo Quickie: 48 Stunden Kindheitstraum” endlich an dieses Weltkulturerbe geschafft hatten. Dass mich mein Weg ein Jahr später zusammen mit Jens wieder hierher führen würde hätte ich damals nicht für möglich gehalten.

“Wenn Sie Kairo besuchen, dann werden sie verstehen, warum die Menschen so gerne Urlaub in Alexandria machen.” Dieser Satz von Nadja Münchenhagen kam sofort wieder hoch, als wir in diesen Moloch hineinfuhren und das mir schon bekannte Stadtbild an unseren Busfenstern an uns vorbeizog. 

Stadtbild Kairo

Bevor es zu den Pyramiden ging besichtigten wir die größte und älteste Moschee Kairos, die Ibn Tulun Moschee. Die Moschee wurde in den Jahren 876 bis 879 errichtet und ist noch in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Eine Besonderheit ist das Minarett auf das wir über eine Außentreppe hinaufsteigen konnten und einen großartigen Blick über Kairo und auf die wunderbare Muhammad-Ali-Moschee, die ich letztes Jahr besuchen durfte, hatten. Wir besuchten außerdem das neben der Moschee gelegene Gayer-Anderson-Museum, zwei alte Wohngebäude in der traditionellen islamischen Wohnkultur aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Sowohl in der Ibn Tulun Moschee, als auch im Gayer Anderson Museum wurden 1977 Szenen für ‘James Bond – Der Spion der mich liebte’ mit Roger Moore gedreht. Fotografiert haben wir im Museum jedoch nicht.

Innenhof der größten und ältesten Moschee Kairos

Spektakulärer Blick auf die Muhammad Ali Moschee

Nur einer von unseren Dutzenden Bussen, die mit Polizeischutz durch die Stadt eskortiert wurden

Noch während wir im Hof der Moschee standen rief der Muezzin durch krachende Lautsprecher zum Mittagsgebet. Und für uns wurde es langsam Zeit für eine Mittagspause. Unsere Busse wurden mit Polizeischutz durch Kairo eskortiert und stellenweise komplette Straßenzüge für uns gesperrt. Zu groß ist wahrscheinlich die Angst der Behörden, dass sich ein Anschlag gegen Touristen richten könnte. Man will nichts riskieren.

Unser Weg führte uns schon Richtung Pyramiden und wir passierten die Baustelle, auf der das gewaltige neue ägyptische Museum entsteht und das Hotel, in dem ich letztes Jahr ein spektakuläres Zimmer mit Pyramidenblick genießen durfte. Unser Mittagessen fand nur einige Häuser weiter statt und dort erwartete mich eine unerwartete Überraschung. Plötzlich stand ich vor meinem Reiseleiter aus dem letzten Jahr – besser bekannt als Mohammed 1. Ich sah ihn im Speisesaal und wusste, dass ich ihn kenne und spürte regelrecht wie mein Gehirn versuchte zuzuordnen woher. Ihm ging es zuerst ähnlich.

Mohammed berichtete uns letztes Jahr, wie sehr Kairo und Ägypten unter dem ausbleibenden Tourismus leidet und auch wenn ich die Vermutung hatte, dass sich die Situation vielleicht angesichts von Dutzenden Reisebussen verbessert hätte – es ist leider nicht so. Er erzählte uns, dass die Touristen zwar hier heute zu mittag essen, aber ansonsten wenig Geld im Land lassen und am Abend wieder auf ihr Schiff zurück kehren. Der Schein trügt also.

Wir schwelgten noch herrlich in den Erlebnissen vom letzten Jahr. Uwe und ich kamen damals mit einer massiven Verspätung in Kairo an und Mohammed bestand darauf uns noch um viertel vor fünf Uhr nachts ein vollwertiges Essen vorzusetzen. Schließlich hatte man extra das Küchenpersonal festgehalten. Ich hatte ihm damals versprochen wiederzukommen, denn man sieht sich immer zwei Mal im Leben. Dieses Mal sind wir unter dem Motto ‘Aller guten Dinge sind drei’ auseinandergegangen. Es gibt bestimmt ein Wiedersehen.

Mein Hotel vom letzten Jahr
Ganz in der Nähe: die Baustelle des gewaltigen neuen ägyptischen Museums
Ein Wiedersehen mit Mohammed 1

Auch ein zweites Mal haben mich die Pyramiden von Gizeh mit der Sphinx überwältigt. Über Details dieser faszinierenden Bauwerke habe ich mich in meinem Bericht vom letzten Jahr ausführlich ausgelassen. Ich war sehr glücklich, dass sich nun der Kindheitstraum auch für Jens erfüllt hat. Lassen wir die Bilder für sich sprechen. 

Ägypten war auch beim zweiten Mal für mich eine ganz großartige Erfahrung. Einige meiner Mitreisenden sahen das nicht ganz so. Wir beobachteten schon während unseres Aufenthaltes in Alexandria, dass einige sichtlich überfordert zum Schiff zurück kehrten. Das kann ich vielleicht noch verstehen. Es ist nicht jedermanns Sache sich Hals über Kopf ohne Begleitung in fremde Kulturen zu werfen. Was ich allerdings ganz unmöglich finde ist, wenn überforderte Pauschaltouristen noch mit Plattitüden um sich werfen. So haben wir in Gesprächen aufgeschnappt, dass es “eine Schande sei, wie die Ägypter ihr Land verdrecken lassen”.  Wohlgemerkt haben wir mit unserem Urlaubskahn die Luft in Alexandria nicht verbessert und nach Ankunft am frühen Morgen den Müll von über 3.000 Menschen von zwei Tagen abgeladen. Alexandria war für viele offenbar ein Stresstest und wenn Jens und ich berichteten, dass wir einen ganz großartigen Tag dort hatten, wurden wir mit ungläubigen Augen wie Marsmännchen angeschaut. Es macht mich etwas traurig, wenn man deutsche Standards als allgemeingültig betrachtet und sich nicht auf Begebenheiten in fremden Ländern und Kulturen einlassen kann.

Liebe Nadja Münchenhagen, ich hoffe Du hast mitgelesen. Und ich hoffe Du erlaubst mir ein weiteres Mal Dein Motto aufzugreifen und damit zu schließen:

Entdecken Sie Neues! Erleben Sie Schönes!

Wir mit der bezaubernden Nadja Münchenhagen

4 Gedanken zu „Ägyptisches Wiedersehen“

  1. Ein wunderbarer Bericht, wie alle die ich bisher von dir gelesen habe. Auch schließe ich daraus ein weiteres Mal, dass man dich egal wo auch immer in der Welt “freilassen” könnte, du würdest dich überall zurecht finden und das beste aus der jeweiligen Situation machen. Ich bewundere dich dafür!

  2. Vielen Dank, Kim! Wie schoen, dass es Euch nach Aegytpen verschlagen hat. Ausser den “Cruise-Tourists”, gibt es wieder Touristen die auf eigene Faust kommen, oder noch nicht? Dass die Strassen fuer Eure Busse abgesperrt werden mussten, klingt nicht viel versprechend… Sei umarmt! ET

    1. Liebe Elisabeth, das Cruise Geschäft ist in Ägypten seit kurzem wieder angelaufen und noch relativ fragil. Viele Veranstalter sparen Ägypten weiterhin aus. Auf eigene Faust kommen wenige Menschen, leider. Eine Besserung scheint nicht wirklich in Sicht. Alles Liebe 🙂 Kim

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