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Kalachakra

Ohne es zu ahnen geriet ich in das größte und bedeutendste buddhistische Ritual an dem Ort, an dem Buddha der Überlieferung nach seine Erleuchtung erlangte. Hunderttausende Buddhisten aus aller Welt begingen mit dem Dalai Lama das Kalachakra im indischen Bodh Gaya. Es war nicht nur der Smog, der mir den Atem raubte.

Ich bin kein Buddhist. Aber in den vergangenen Jahren, insbesondere auf meinen Reisen, hat der Buddhismus mich gefunden und mein Leben bereichert. Ursprünglich war meine Idee der Geschichte und den Spuren der Kampfkünste zu folgen. Deswegen heißt dieser Blog auch ‚following budo‘. Aber schon auf meiner ersten Reise entwickelten sich die Dinge in eine andere Richtung.

2014 verbrachte ich einige Tage in einem buddhistischen Kampfkunsttempel in Südkorea. Anfangs fühlte ich mich fehl am Platz. Als ich den Tempel verließ war nichts mehr wie vorher. Ich beschäftigte mich immer mehr mit dem Buddhismus, bereiste weiter südostasiatische Länder und erlebte vor allem in Myanmar, wie wichtig und alltagsbestimmend dieser Glaube für die Bevölkerung dort ist. Ich stellte fest, dass die meisten der neumodischen Wellnesskonzepte in unserer westlichen Welt alter Wein in neuen Schläuchen sind. Und ich stellte fest, dass ich inzwischen täglich vom Buddhismus beeinflusst wurde. Und es wird jeden Tag gefühlt ein bisschen mehr.

Es sind schon einige Dinge in meinem Leben passiert, die ich nicht für einen Zufall, sondern für Bestimmung halte. Ich habe zur richtigen Zeit die richtigen Menschen getroffen und es gibt auch Menschen, die mir gesagt haben, dass meine Begegnung mit ihnen sie beeinflusst hätten. Ich habe Entscheidungen in meinem Leben getroffen, die es komplett verändert haben. Manchmal stelle ich mir vor, was wohl passiert wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte. Aber der Gedanke betrübt mich eher. Denn ich würde alles genau so wieder tun und bin heute ein 101% glücklicher Mensch. Vielleicht wird das nicht für immer anhalten. Wer weiß das schon. Aber darum kümmere ich mich, wenn es soweit ist.

Und so begab es sich, dass auch auf dieser Reise einige Bestimmungen ihren Lauf nahmen. Ursprünglich war Indien als Reiseziel gar nicht vorgesehen. Als ich mich dann doch dafür entschieden hatte ging ich in eine grobe Planung, was ich alles sehen möchte. Der Ort an dem Buddha in einer Vollmondnacht nach tagelanger Meditation seine Erleuchtung erlangt hatte und von dort aus begann seine Lehre zu verbreiten, stand ganz oben auf meiner Wunschliste.

Die Stätte gilt natürlich als einer der heiligsten Orte des Buddhismus. Buddha wurde im Jahre 528 v. Chr. erleuchtet. Im Jahre 250 v. Chr. ließ der damalige Herrscher Ashoka eine Steinmauer um den Baum errichten und markierte den Ort mit einer Säule. Der heutige, 55 Meter hohe Mahabodi Tempel wurde im 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. errichtet. Über die Jahrhunderte musste er nach Zerstörungen mehrfach wieder aufgebaut oder restauriert werden. Der aktuelle Tempel stammt aus dem Jahre 1889. Der Baum ist ein Abkömmling des Originalbaumes, der aus Sri Lanka zurück gebracht wurde. Es handelt sich um eine Pappelfeige. Darunter wurde an der Stelle, an der Buddha meditiert haben soll, der sogenannte Diamantenthron errichtet.

Der Tempel gehört seit 2002 zum UNESCO Weltkulturerbe. Im Juli 2013 wurden mehrfache Bombenanschläge auf den Tempel verübt. Es waren kaum Besucher an diesem Tag vor Ort. Zwei Mönche wurden verletzt. Seitdem steht das Gelände unter Schutz einer eigenen Spezialeinheit der indischen Polizei.

Wenn ich eine Reise plane sitze ich üblicherweise vor einer Landkarte und einem Kalender und schiebe oft die Daten hin und her. Ich schaue, wie ich am Besten von A nach B komme und insbesondere in Indien musste man genau hinschauen, ob an den Wunschtagen auch Flüge angeboten werden. Mit Unterstützung von meinen Freunden von mcmeyersworld zurrte ich den Reiseplan fest und begann mich um Übernachtungsmöglichkeiten zu kümmern.

Ich wunderte mich, dass die Preise in Bodh Gaya exorbitant bis indiskutabel waren. Für Zimmer, für die nach unseren Standards eine Minuskategorie an Sternen eingeführt werden müsste, wurden vierstellige (!) Euro Beträge aufgerufen. Andere Unterkünfte waren restlos ausgebucht. Ich rief bei Uwe von mcmeyersworld um Hilfe und bat ihn, in seinem Buchungssystem nachzusehen, ob er andere Möglichkeiten hat. Aber auch dort dasselbe Bild.

„Ist da irgendwas?“, fragte mich Uwe.
„Nun ja… es ist ein der wichtigsten buddhistischen Pilgerstätten… aber es ist halt auch Provinz“, antwortet ich. „Vielleicht gibt es da schlichtweg keine Unterkünfte?“
„Ich glaube wir sollten mal googlen…“

Uwe hackte ‚Bodh Gaya‘ und ‚Januar 2017‘ in die Suchmaschine und das Ergebnis haute uns fast von den Stühlen.

Ohne es zu ahnen hatte ich zielsicher das Datum eine der größten, buddhistischen Feierlichkeiten erwischt. Der Dalai Lama würde Bodh Gaya besuchen und mit seinen Anhängern das Kalachakra begehen, ein spezielles Ritual aus dem tibetanischen Buddhismus, das sich über mehrere Tage erstreckt.

Was für aufregende Neuigkeiten. Und gleichzeitig weckten sie in mir Zweifel. Würde ich trotzdem als Nicht-Buddhist zu dieser Zeit in den Tempel gehen und mir den Baum ansehen können? Gibt es Sicherheitsbedenken bei solch einer großen Wallfahrt? Wir beschlossen einen Tourguide für mich zu buchen, der im Zweifel die Dinge für mich regeln könnte.

Und dann war der Zeitpunkt endlich gekommen. Von Mumbai aus flog ich etwa 1.400 Kilometer nach Gaya. Eine Entfernung wie von Frankfurt nach Barcelona. Das gibt einem eine Vorstellung welche ungeheuerlichen Ausmaße dieses Land hat. Zwei Tage vor meiner Anreise ist es mir doch noch gelungen eine preisgünstige Unterkunft in Laufweite vom Mahabodhi Tempel zu ergattern.

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Ein Taxi war schnell gefunden. Der erste Schlepper auch. Während der Fahrt sprang ein Nepalese zu, der sich als bester Freund des Fahrers ausgab und mir alle möglichen Dienstleistungen, von Übernachtungsmöglichkeiten bis hin zu Führungen anbot. Zu seinem Unglück war jedoch alles bereits arrangiert und als ich ihm erklärte, dass bereits alles bezahlt sei und es für mich keinen Sinn mache etwas zu ändern ließ er von mir ab und sprang ins nächste Taxi.

Die Mitarbeiter meiner Unterkunft waren entzückend und fürsorglich. Das Zimmer meinen buddhistischen Ambitionen entsprechend. Karg, muffig und mit Blick auf die nächste Hauswand. Dafür lebte ich auf einem Stockwerk mit tibetanischen Mönchen und wurde bereits um fünf Uhr früh von deren Gesängen geweckt. Wann erlebt man sowas schon mal? Und ich konnte endlich von meinem Schlafsack Gebrauch machen, den ich mitgenommen hatte. Der Bettwäsche war beim besten Willen nicht über den Weg zu trauen. Dafür gab es ein Dachrestaurant mit Blick auf den Mahabodhi Tempel, dass auch von Touristen aufgesucht wurde, die woanders wohnten. Ein gutes Zeichen.

Ich machte einen ersten Spaziergang und traute auf der Hauptstraße meinen Augen kaum. Menschenmassen in Indien sollte ich inzwischen gewohnt sein, aber die Menge der Pilger und das Treiben auf den Straßen hat mich dann doch wieder sehr beeindruckt. Die Meisten kamen mir entgegen. Das Kalachakra war für den heutigen Tag gerade beendet worden. Die Lesungen des Dalai Lama finden nicht direkt im Tempel sondern in einem überdimensionalen Zelt in der Nähe statt. 150.000 Gläubige sollen nach Bodh Gaya gekommen sein. Man hatte ursprünglich viel mehr erwartet, jedoch hat das durch die Regierung verursachte Bargeldchaos zwei Monate zuvor es vielen unmöglich gemacht die Reise zu organisieren. Die chinesische Regierung hat ihre Bevölkerung gewarnt, an der Veranstaltung teilzunehmen und diese als illegal bezeichnet. Daraufhin kehrten viele Gläubige, die auf dem Weg waren, wieder nach China zurück, aus Furcht vor den angedrohten Strafen. Andere wurden im Vorfeld schon an der Ausreise gehindert.

Ich kämpfte mich zum Mahabodhi Tempel durch an unzähligen Verkaufs- und Informationsständen vorbei. Ständig wurden irgendwelche Personen ausgerufen und mir fielen die vielen Atemmasken auf. Die Luft war in der Tat voller Rauch, ich dachte mir jedoch zunächst nichts dabei. Bis zum Abend sollte ich durch den Smog jedoch deutliche Hals- und Lungenschmerzen haben. Die Warteschlange zum Tempel war lang, aber perfekt von der Polizei organisiert.

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Gut organisiert: Mönche zuerst
Gut organisiert: Mönche zuerst

Auf dem Gelände des Mahabodhi Tempels erwartete mich ein aufregendes Treiben. Tausende Gläubige umrundeten Tempel und Bodhi Baum im Uhrzeigersinn. Jeder erdenkliche freie Platz wurde genutzt um sich zu Gebet oder Meditation niederzulassen. Es wurde sich verbeugt, gesungen und musiziert. Lehrer unterrichteten ihre Schüler. Die Warteschlange zur Buddha Statue im Inneren der Tempels war unüberschaubar. Die Gläubigen standen stundenlang an um einen kurzen Moment dort verbringen zu dürfen. Auch hier waren die Sicherheitsvorkehrungen streng.

Mahabodhi Tempel
Mahabodhi Tempel

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Buddha bleibt auch bei großem Andrang gelassen.
Buddha bleibt auch bei großem Andrang gelassen.
Eine Aufnahme aus der Ferne. Die Warteschlange habe ich mir erspart und das Angebot meines Guides mich durchzuschleusen abgelehnt.
Eine Aufnahme aus der Ferne. Die Warteschlange habe ich mir erspart und das Angebot meines Guides mich durchzuschleusen abgelehnt.

Absolutes Zentrum und Heiligtum des Tempels ist der Bodhi Baum, unter dem Buddha in einer tagelangen Meditation seine Erleuchtung fand. Die Stelle an der er gesessen haben soll ist heute durch den sogenannten Diamantenthron markiert. Die Ergriffenheit der Gläubigen war stark spürbar. Am frühen Morgen eilen sie schon hier her, um Blätter vom Boden aufzusammeln, die heruntergefallen sind. Auch für mich war es ergreifend. Ich meditierte an diesem besonderen Ort in diesem einzigartigen Umfeld des Kalachakra. Ein unbeschreiblicher Moment.

Größtes Heiligtum der Buddhisten: der Bodhi Baum
Größtes Heiligtum der Buddhisten: der Bodhi Baum

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Vor dem Diamantenthron, die Stelle an der Buddha gesessen haben soll
Vor dem Diamantenthron, die Stelle an der Buddha gesessen haben soll
Der Diamantenthron
Der Diamantenthron

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Auch wenn der Bodhi Baum der wichtigste Ort ist – sieben Wochen soll der Erleuchtete auf diesem Gelände an verschiedenen Plätzen verbracht haben. Jede dieser sieben Stellen ist heilig und hat seine eigene Bedeutung. Und so verteilten sich die Gläubigen auf dem gesamten Tempelgelände. Mit Zelten zum Schutz vor Moskitos während der Meditation, Brettern auf denen sie ihre Verbeugungen machten, Decken, Verpflegung, Büchern, Instrumenten… Es ist was ganz Besonderes, wenn religiöse Orte zum Leben erweckt werden. Es entsteht eine faszinierende Atmosphäre und eine spürbare Kraft.

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Eine weitere wichtige Stätte besuchten wir etwas außerhalb von Bodh Gaya. Auf der Suche nach der völligen Erkenntnis probierte Buddha sich in verschiedenen Praktiken. Eine davon war als Asket zu leben und zu Fasten. Kurz vor seinem Hungertod erkannte er jedoch, dass dies nicht der richtige Weg ist. Sujata, eine Dorfbewohnerin, sah ihn und gab ihm eine Schüssel Milchreis. Sie gilt als seine Retterin vor dem Verhungern. Ihr zu Ehren wurde an dem Baum, an dem dieses Ereignis stattfand, eine Stupa errichtet.

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In Bodh Gaya wird kräftig gebaut. Tempel an Tempel. Kloster an Kloster. Meditationszentrum an Meditationszentrum. Noch ist der Ort überschaubar. Dennoch haben sich schon viele buddhistische Gemeinschaften aus vielen Ländern niedergelassen. Die Tempel immer im Stil ihres Heimatlandes errichtet. Unter anderem sind Thailand, Vietnam, Buthan und Sri Lanka vertreten. Kambodschas neuer Tempel wird gerade gebaut und die Japaner haben für ihren Tempel eine 25 Meter hohe Buddha Statue errichtet, die der Dalai Lama 1989 eingeweiht hat.

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Besonders schmuck: Der Tempel von Buthan
Besonders schmuck: Der Tempel von Buthan

Und dann ist es tatsächlich passiert… Ich weiß gar nicht wieviele Zufälle zusammen gekommen sind, um diesen Moment zu erleben. Ursprünglich war Indien gar nicht mein Reiseziel. Als ich die Reiseroute festlegte und die Daten für Bodh Gaya wählte, ahnte ich nicht, dass dort der Dalai Lama mit seinen Anhängern das Kalachakra abhält und ich mitten in der größten buddhistischen Feier der Welt landen würde. Und als ich nun mit meinem Guide an dem tibetischen Kloster vorbeikam, in dem der Dalai Lama während seines Aufenthaltes lebte, erfuhren wir, dass er gleich abreisen würde. Ganz langsam fuhr er, bestens gelaunt an uns vorbei und war viel klarer und deutlicher zu erkennen, als es die Fotos festhalten konnten. Die Gläubigen waren ergriffen. Man glaubt, dass es sein letztes Kalachakra war, das er abhielt. Es findet nur alle paar Jahre und an wechselnden Orten statt. Und so, erzählte mir mein Guide, war es für Bodh Gaya auch ein Abschied nehmen und er denkt, dass er Seine Heiligkeit heute zum letzten Mal gesehen hat. Auch ich bin ergriffen und immer wieder dankbar und demütig, für die schönen Momente, die das Leben mir schenkt. Meine Tage in Bodh Gaya gehören zu den interessantesten und außergewöhnlichsten Erfahrungen in meinem Leben.

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„Im Sommer ist keiner hier“, lacht mein Guide. „Da lieg ich hier bei 45 Grad alleine unter dem Bodhi Baum und höre die Stille.“ Das wäre noch einmal ein Grund wiederzukommen, denke ich so bei mir und frage mich, ob es jemals dazu kommen wird. Sofort verwerfe ich den Gedanken wieder und erinnere mich an die Worte Buddhas: „Wohne nicht in der Vergangenheit, träume nicht von der Zukunft, konzentriere Deinen Geist auf das Jetzt.“

7 Gedanken zu „Kalachakra“

  1. Wow! Kim ich habe diesen besonderen Tag deiner Reise mitgenossen und gerochen, die Atmosphäre gespürt. So toll hast du das geschrieben. Ich wünsche dir noch viele solcher Tage!

  2. Moin Moin Kim,
    ich bin so glücklich, das es geklappt hat mit dem Dalai Lama…
    und ich bin mir sicher… es war KEIN Zufall !!!
    Genieße Deine weitere Reise..
    Indien wartet auf Dich..
    Rajasthan wird dich bestimmt auch sehr faszinieren….
    Dilli Dilli !!! 🙂

  3. Gratulation! Dieser Bericht hat mich wieder förmlich mitgerissen, habe ihn hier laut meinem Mann vorgelesen, kennt sich mit Geschichte besser aus wie ich, so verfolgen wir gemeinsam deine hoch interessanten Reiseerlebnisse. Schöner hättest du den Bericht nicht schließen können, als mit den Worten von Buddha, die auf alle Menschen die passende Lebenseinstellung liefern, egal welche Glaubenseinstellung man hat.

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