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Golgulsa: Zu Gast im buddhistischen Kampfkunsttempel

In einen echten buddhistischen Tempel einkehren, am Alltag der Mönche teilhaben und von ihnen einen Kampfkunst erlernen. Die Welt draußen hinter sich lassen, in den Bergen Koreas meditieren, den Buddhismus und ein spartanisches, bescheidenes Leben voller Achtsamkeit kennenlernen. Was wie ein unerreichbarer Traum voller Budo Romantik klingt, ist in Südkorea erlebbar. Mit einem Templestay im Kampfkunst Tempel Golgulsa.

Der ‚Steinbuddha Tempel‘ Golgulsa liegt etwa 20 Kilometer östlich von Gyeongju und ist Koreas einziger echter Höhlentempel aus dem 6. Jahrhundert. Hauptattraktionen sind ein über 1.500 Jahre altes Buddharelief und natürlich die buddhistische ZEN Kampfkunst ‚Sunmudo‘, die man hier hautnah erleben kann. Mir war sofort klar, dass ich mich diesem Abenteuer stellen musste.

Die Anreise

Der Bus verschwindet in einer staubigen Wolke und lässt mich alleine zurück. Ich stehe unter einer riesigen Autobahnbrücke, die das wunderschöne Gebiet um den Berg Hamwolsan durchzieht. Immerhin – direkt in Sichtweite zeigt mir ein nicht zu übersehendes Schild den Weg zum Tempel und verspricht, dass er lediglich 1 Kilometer entfernt sei. Ich schnappe mir also mein Gepäck und ziehe los. Immer noch nicht wissend, was eigentlich auf mich zukommen wird.

Das Einzige was ich sicher weiß ist, dass sogenannte Templestays bei Koreaner beliebt sind. In hunderten von Tempeln, viele mit eigenen Schwerpunkten, können vom gestressten Manager bis zur Rentnerin alle für eine beliebige Zeit am Tempelleben teilhaben. Und die Koreaner wissen dies ordentlich zu vermarkten. Der Golgulsa Tempel heißt als einer von 16 Tempeln ausdrücklich ausländische Besucher willkommen und bietet ein Templestay Programm in englischer Sprache an.

Im Moment kommt noch wenig Tempelromantik auf. Es ist extrem heiß und schwül und ich schleppe meinen gut 20 Kilo schweren Rucksack die Straße entlang. Einen Gehweg gibt es nicht und hupende LKW’s auf dem Weg zu der in Sichtweite liegenden Chemiefabrik scheuchen mich immer wieder auf den Grünstreifen. Ich überlege ob ich nicht doch lieber ein Taxi hätte nehmen sollen, aber der Fahrpreis des Busses war mit umgerechnet 1 Euro einfach unschlagbar.

Völlig durchgeschwitzt erreiche ich das Haupttor des Tempels. Vor dem Eingang zeugen schon Statuen von Kampfmönchen davon, um welchen besonderen Ort es sich hier handelt. Im Templestay Office begrüßt mich Sarah aus England und nimmt mit mir den ‚Check In‘ vor, wenn man das bei einem Tempel so sagen kann. Ich bekomme eine Broschüre, einen Plan des Tempelgeländes, einen Ablaufplan, dem ich entnehmen kann, wie die nächsten Tage aussehen werden und mein Templestay Outfit bestehend aus einer grauen Hose und einer orangefarbenen Weste.

Auf meinem Zimmer treffe ich meinen Mitbewohner Simon aus Schweden, der bereits sechs Wochen im Golgulsa Tempel lebt und weitere 3 Wochen vor sich hat. Genau wie ich ist er also 9 Wochen von zu Hause weg, verbringt die Zeit jedoch komplett an diesem einen Ort. Ich will mich gerade beeindruckt zeigen, da stellt er mir Toni aus Finnland vor, der als Jungmönch für ein ganzes Jahr hier eingekehrt ist und im Nachbarzimmer wohnt. Eine Gemeinsamkeit ist schnell gefunden. Wir drei praktizieren und lieben Taekwondo. Toni sogar hauptberuflich.

Simon hat es eilig. Er muss zum Bogenschießen. Ich beschließe erstmal anzukommen, eine Dusche zu nehmen und in der Waschküche nebenan eine Maschine Wäsche zu waschen. Während diese fröhlich vor sich hinschleudert erkunde ich das Gelände. Um den eigentlichen Tempel zu erreichen muss man einen steilen Berg erklimmen. Zu Fuß erreicht man ihn nach etwa 10 Minuten. Auf dem Weg dorthin verschaffe ich mir einen Überblick über den Speisesaal, die Sunmundo Schule, schleiche an Souvenir Shops vorbei und bemerke eine hohe Ansammlung von Bussen auf dem Parkplatz. Touristen werden zweimal täglich zum Tempel gebracht, um die spektakuläre Demonstration der Kampfkunst Sunmudo durch die Mönche des Klosters zu sehen. Ich geselle mich dazu und bin sehr gespannt, was mich erwartet.

Sunmudo

Der Name dieser seltenen Kampfkunst setzt sich aus drei Worten zusammen. ‚Sun‘ (oder auch ‚Seon‘) steht für Meditation und ist bei uns in Deutschland am ehesten unter dem Begriff ‚Zen‘ bekannt. ‚Mu‘ steht für Kampfkunst und ‚Do‘ steht, wie auch im Taekwondo, für den Weg. Sunmudo ist also der Weg einer meditativen Kampfkunst. Es vereint kraftvolle Techniken mit meditativen Elementen, wie sie in Yoga, Tai Chi oder Qi Gong vorkommen. Die Ursprünge gehen zurück bis in die Zeit des Königreiches Silla, das von 57 v. Chr. bis 935 n. Chr. existierte. Bis 1980 wurde Sunmudo ausschließlich hinter verschlossenen Tempeltüren gelehrt. Erst dann hat Großmeister Jeong Un Sunim die Kampfkunst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Anfang der 1990er Jahre wurde im Golgulsa Tempel die Hauptzentrale der Kampfkunst installiert. Im Rahmen des Templestays besuchen inzwischen jährlich 28.000 Menschen den Tempel.

Auf einer kleinen Terasse vor dem Tempel mit Blick in herrlichste Natur führen uns die Mönche ihr beeindruckendes Können vor. Ähnlich wie bei den populären Shows der Shaolin Mönche – manche Quellen gehen davon aus, dass Sunmudo mit dem Shaolin Kung Fu verwandt ist – bekommt man hier spektakuläre Techniken und Sprünge zu sehen, die man selten aus nächster Nähe betrachten kann. Abgerundet wird das Programm mit Einwürfen aus der koreanischen Kultur, wie z.B. ein traditionelles Trommelorchester, das nur aus Frauen besteht oder Einblicke ins koreanische Maskentheater.

Nach der Vorführung steige ich den Berg wieder hinab und treffe Simon zu meinem ersten offiziellen Programmpunkt. Das Abendessen. Wir sind zu früh und müssen warten, bis einer der Mönche kommt und sich vor den Gästen am Buffet bedient. Erst dann ist es Besuchern ebenfalls gestattet sich etwas zu nehmen. Die ersten beiden Tische sind jeweils für die Mönche reserviert. Frauen und Männer sitzen getrennt. Stühle gibt es nicht. Gegessen wird im Schneidersitz auf dem Boden sitzend.

Buddhistische Tempelküche

Im Tempel ist Fleisch essen und Alkohol trinken verboten. Gäste werden angehalten keine eigenen Nahrungsmittel von außen mitzubringen, sondern sich ganz dem Tempelleben anzupassen. Die vielen Cola Automaten auf dem Gelände scheinen also nur für die Bustouristen da zu sein. Es gibt Reis, verschiedenes Gemüse, natürlich koreanisch zubereitet, Tofu, kleine Pfannkuchen, Reiskuchen und Obst. In den nächsten Tagen wird es jeweils kleinere Variationen geben. Im Prinzip ist die Tempelküche nichts anderes als ein idealer Bausatz für meine Lieblingsspeise Bibimbap. Sogar die würzige Paprikapaste steht bereit, obwohl ich oft gelesen habe, dass in buddhistischen Tempeln auf scharfe Gewürze weitestgehend verzichtet wird.

Ich habe in den letzten 20 Jahren zu jeder sich bietenden Gelegenheit der koreanischen Küche gefrönt, und ich hätte es selbst nicht für möglich gehalten, dass mich im Golgulsa Tempel das beste koreanische Essen meines Lebens erwartet. Die ersten Bissen erlebe ich wie einen kulinarischen Schock und ich bin nahezu fassungslos, wie unfassbar gut und frisch alles schmeckt. Eine klare Regel gibt es: Es wird kein Essen weggeworfen. Alles was man sich nimmt, muss aufgegessen werden. Jedes Reiskorn.

Während des Essens beobachte ich die Szenerie und plaudere mit verschiedenen Tischnachbarn. Die Jungmönche klauen sich gegenseitig ihren Nachtisch und spielen mit ‚Stein, Schere, Papier‘ darum, wer heute das benutzte Essgeschirr abräumen muss. Die Atmosphäre ist sehr offen und herzlich, das Publikum international von wirklich allen Kontinenten. Ein Ort zum Wohlfühlen.

Chant  

Nach dem Abendessen gibt es eine kurze Einführung über das Sunmudo mit Hilfe eines Videofilmes und eine kurze Unterweisung in den sich anschließenden Abend Chant. Um dieses buddhistische Ritual besser zu verstehen erklärt uns Sarah was es mit dem Chant über die ‚Huldigung der drei Juwelen‘ auf sich hat.  Vereinfacht gesagt ist es das Glaubensbekenntnis der Buddhisten. Sarah warnt uns vor, dass es uns vermutlich nicht möglich sein wird mitzusingen, obwohl uns der Text in Lautschrift zur Verfügung steht. An bestimmten Stellen wird sich verbeugt, indem man mit den Knien zu Boden sinkt, den kompletten Körper ablegt und die Handflächen nach oben dreht. Wir gehen die Bewegungen kurz durch und ich setze mich anschließend auf eine Matte und warte darauf, dass es los geht.

Nach und nach füllt sich der Saal. Wer neu ankommt verbeugt sich zur Begrüßung dreimal und nimmt Platz. Schließlich beginnt die Zeremonie. Sarah hatte Recht. Obwohl ich mich bemühe den koreanischen Chant auf dem ausgelegten Zettel mitzulesen verliere ich relativ schnell den Faden. Also konzentriere ich mich darauf die Gläubigen zu beobachten und an den richtigen Stellen die vorgesehenen Verbeugungen zu machen und komme dabei schon ordentlich ins Schwitzen. Wir beenden die Zeremonie mit einer gemeinsamen stillen Meditation.

Training

Das anschließende Sunmudo Training gibt mir den lang erwarteten Einblick in die meditative Kampfkunst. Was ich bemerke ist, dass die Abläufe des Trainings eng mit dem Buddhismus verknüpft sind. Für die Begrüßung zu Beginn werden mehrere Verbeugungen Richtung Buddha durchgeführt.

Wir gehen einige Sumundo Techniken durch, die fließender sind, als ich es von anderen Kampfkünsten kenne. Zunächst beginnen wir mit Übungen, die tatsächlich dem Tai Chi oder dem Qi Gong ähneln. In langsamen Bewegungen dehnen wir unsere Oberkörper und schieben die geöffnete flache Hand kraftvoll jeweils in verschiedene Richtungen. Dabei sind die wechselnden Bewegungen immer im Fluss und nicht hart oder abgehackt. Später kommen Tritttechnicken dazu, die im Taekwondo am ehesten einem Ap Cha Olligi, also einem Beinschwung nach vorne ähneln. Wir steigern uns mit Fußtritten zur Seite und nach hinten mit gleichzeitigen Fauststößen in die entgegensetze Richtung oder nach unten. Der meditiative Aspekt wird vor Beginn der jeweiligen Übung spürbar. Mit aneinander gelegten Handflächen steht man für die Übung bereit. Mit Beginn führt man sie nach oben und mit einer großen Kreisbewegung, während der man ein lautes ‚Ommmmm‘ ausstößt, nach unten, um die Finger wieder in Höhe der Brust aneinander zu legen und mit den Handballen eine Klatschbewegung auszuführen (die Übungen aus unserer Trainingseinheit sind im Video der Sunmudo Demonstration ab 20:35 Minuten zu sehen). Im gesamten Sunmudo gibt es keine Partnerübung, keine Wettkämpfe und keine Aggression. Die Kampfkunst ist eine friedliche dynamische Meditation.

Mit viel Spaß gehen die 90 Minuten viel zu schnell vorbei und ich taumele wohlig erschöpft über das bereits dunkle Gelände in mein Zimmer. Simon schläft schon. Ich kann nur noch eine Dusche nehmen und lege mich sofort schlafen. Es ist 21 Uhr. Es gibt nichts mehr zu tun.

Denke nicht! Tu es einfach!

Um 3.30 Uhr klingelt Simons Wecker. Ich fühle mich wie gerädert, habe unruhig geschlafen. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass ich in Korea auf Tatami Matten auf dem Boden übernachte, jedoch sind Hitze und Luft in unserem Zimmer an der Schmerzgrenze. Der Tempel liegt inmitten wundervollster Natur und man kann unmöglich über Nacht die Fenster weit öffnen ohne am nächsten Morgen ein komplettes Biotop sein Eigen zu nennen. Ich mache mich kurz frisch und wir beginnen den Aufstieg zum Tempel.

Es ist eine heiße Sommernacht. Toni aus Finnland hat jeden Morgen Weckdienst. Mit einer Holzglocke läuft er mit meditiativem Chant zwischen den Gebäuden entlang, aus denen nach und nach die Tempelbewohner schleichen. Auf meine Frage, ob er sich nach 6 Wochen schon an den täglichen Aufstieg zum Tempel gewöhnt hat, antwortet Simon, dass er nicht mehr darüber nachdenkt, sondern es einfach nur tut. Ich genieße die Stille. Nach etwa 10 Minuten erreichen wir den Gebetsraum. Ich ziehe die Schuhe aus, suche mir ein Kissen, mache die drei Verbeugungen, wie ich sie gestern gelernt habe, und setze mich im Schneidersitz hin. Der Raum füllt sich. Trotzdem ist es still. Punkt 4.30 Uhr beginnt der Morgen Chant wieder mit der ‚Huldigung an die drei Juwelen‘. Fast eine halbe Stunde lang singen die Gläubigen und verbeugen sich, wie am Vorabend, an bestimmten Stellen. Dem Morgengesang schließt sich eine halbstündige Meditation an. Im Raum könnte man das Fallen einer Stecknadel hören. Ich kämpfe sowohl mit dem Einschlafen, als auch mit Schmerzen am ganzen Körper während draußen die Natur erwacht. Die Vögel fangen an zu zwitschern und riesigen Grillen und Grashüpfer leisten uns im Gebetsraum Gesellschaft. Der Sitzmeditation schließt sich eine Gehmeditation an. In Achtsamkeit für jeden Schritt gehen wir den Berg wieder hinunter, lassen uns aber für den Weg eine halbe Stunde Zeit.

Das Barugongyang – eine buddhistische Essenszeremonie 

Es ist 6 Uhr als wir den Speisesaal erreichen. Am heutigen Sonntag wird die buddhistische Essenszeremonie ‚Barugongyang‘ begangen. In einer kurzen Einweisung wird uns erklärt, dass während des Essens nicht gesprochen werden darf, so dass wir uns die Reihenfolge der Zeremonie nun genau einprägen müssen. Am Wichtigsten jedoch ist, dass man peinlich genau darauf achtet alles zu essen, was man bekommen hat. Nichts darf übrig bleiben. Kein Reiskorn, kein Stück Gemüse, kein Schluck Suppe.

Ich bekomme vier Essschalen überreicht, zusammen mit zwei Tüchern, Essstäbchen und einem Löffel. Ich nehme auf dem Boden Platz. Heute sitzen nicht wie sonst Männer und Frauen getrennt. Ich bitte einen Inder, der diese Zeremonie schon oft praktiziert hat, sich rechts neben mich zu setzen, damit ich mir die Reihenfolge von ihm abschauen kann.

Zunächst platziere ich die Schale vor meinem rechten Knie. Die Schalen aller Gäste werden in einer Reihe ausgerichtet. Nachdem der oberste Mönch die Zeremonie eröffnet hat nehme ich das erste Tuch und falte es auseinander. Die Schale platziere ich auf der linken unteren Ecke des Tuchs, nehme den Deckel ab und die drei kleineren Essschalen heraus. Berühren darf ich sie nur mit meinen Daumen auf der Innenseite. Ich platziere sie auf ihrem jeweilig vorgesehenen Platz und lege Essstäbchen und Löffel in eine von ihnen hinein.

Die Jungmönche kommen mit heißem Wasser die Sitzreihen entlang. Ich halte Toni meine Schale entgegen, damit er mir eingießen kann. Da wir nicht sprechen dürfen muss ich mit meiner Schale Drehbewegungen machen, um ihm zu signalisieren, dass es genug ist. Zum Zeichen meiner Dankbarkeit führe ich die Schale Richtung Stirn und mache eine leichte Verbeugung. Mit Ausgabe der Suppe wiederholt sich dieses Prozedere.

In die größte Essschale bekomme ich nun eine kleine Portion Reis. In einem zweiten Durchgang kann man mehr Reis bekommen. Falls man dies möchte, hält man dem Mönch seine Schale entgegen. Falls nicht, legt man die Handflächen vor der Brust aneinander und verbeugt sich zum Dank.

Nun werden mehrere Tabletts mit Beilagen verteilt, von denen man sich bedienen darf. Bei der Einweisung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass man unbedingt ein Stück Kimchi (scharf eingelegter Chinakohl) nehmen muss, auch wenn man es nicht mag, um nach Beendigung des Mahls damit die Essschalen zu säubern.

Nach einem kurzen Gebet beginnt das Essen.

Ich nehme zuerst das wichtige Stück Kimchi und ziehe es durch die Suppe, damit alle Gewürze abgewaschen werden. Anschließend lege ich es zum Reis und beginne mit dem Essen. Ich habe mir von allem nur wenig genommen, weil ich ein bisschen verunsichert war, was den Ablauf der Zeremonie betrifft und weil es 6 Uhr früh ist und ich trotz aller Liebe zur koreanischen Küche es immer noch nicht gewohnt bin, um diese Uhrzeit Reis mit gegärtem Gemüse zu essen.

Als Zeichen dafür, dass ich meine Mahlzeit beendet habe, lege ich Essstäbchen und Löffel gemeinsam in die Suppenschale. Und nun beginnt der spannende Teil: Das heiße Wasser, das mir zu Beginn in die vierte Schale gegossen wurde, dient nun dazu, zusammen mit dem Stück übrig gebliebenen Chinakohl, die Schalen zu säubern. Ich gieße das Wasser in die leere Suppenschale, schwenke es herum und fahre mit dem Chinakohl zwischen meinen Essstäbchen die Schale entlang. Anschließend gieße ich das Wasser weiter in die Reisschale und wiederhole das Prozedere. Dasselbe mit der Beilagenschale.

In der Beilagenschale sollte sich nun pures Wasser befinden, in dem keinerlei Essens- oder Gewürzreste schwimmen. Ein prüfender Blick meines indischen Sitznachbars fällt kritisch aus. Jetzt werde ich doch nervös. Denn: Die Schalen aller Anwesenden werden zum Abschluss in ein Gefäß geschüttet, das dem obersten Mönch zur Prüfung vorgestellt wird. Ist das Wasser nicht rein, muss es von allen Anwesenden getrunken werden. Die Jungmönche sind jedoch gewitzt und wissen, wie man das Problem im Rahmen der Etikette löst. Toni nimmt jedem Besucher die Schale ab und prüft sie. Ist sie, wie in meinem Falle, nicht 100%ig rein schüttet er einen kleinen Teil meines Wassers ab, indem er den Schalenrand an die Innenseite des Gefäßes presst. Den nicht sauberen Teil lässt er in meiner Schale zurück, mit dem Hinweis, dass ich es trinken muss.

Schlussendlich findet das abgegossene Wasser die Zustimmung des obersten Mönches und wir beginnen mit dem zweiten Tuch die Schalen zu trocknen und so ineinander zu stellen, wie wir sie entnommen hatten. Ich trockne das Besteck ab und lege es zurück in den kleinen Stoffbeutel.

Mit einem Schlussgebet wird das Barugongyang beendet. Wir geben die Schalen in die Küche, wo sie natürlich noch einmal richtig gespült werden.

Nach einer kurzen Pause eile ich um 8 Uhr zur Teezeremonie. Ich erwarte ein ähnliches Prozedere, aber in diesem Falle stellt sich der Morgentee als eine Art Gesprächskreis und Fragestunde heraus, an dem vorwiegend ältere koreanische Frauen teilnehmen. Insofern findet auch 90% der Konversation auf Koreanisch statt. Der grüne Tee schmeckt trotzdem ausgezeichnet und ich erfahre in einigen kurzen englischen Abschnitten, dass man ein 4jähriges Studium des Buddhismus absolvieren muss, sollte man den Wunsch hegen dauerhaft als Mönch in einem Tempel zu leben.

Die 108 Verbeugungen

Pflichtbewusst stelle ich mich dem nächsten Programmpunkt um 9 Uhr: den 108 Verbeugungen. Und hier bin ich lange einem Irrtum aufgegessen. Man macht diese Verbeugungen nicht vor Buddha, denn selbiger wird gar nicht als Gott angesehen, sondern man sieht die volle Verbeugung, mit der man sich komplett zu Boden senkt, als einen Weg seinen Geist bescheidener zu machen. 108 davon macht man, um alle schlechten Handlungen, die man getan hat, loszuwerden. Man könnte also sagen, dass es sich um eine Art buddhistische Beichte handelt. Auf die Zahl 108 kommt man durch die sechs ‚Kontaktpunkte‘ (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Anfassen und Denken), die durch die sechs Sinne produziert werden (Augen, Ohren, Nase, Zunge, Körper, Geist) und zwar in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (6 x 6 x 3 = 108).

Zu meiner Überraschung bin ich der einzige Teilnehmer, da die anderen Besucher es vorziehen einen Ausflug zu einem benachbarten Tempel zu machen. So finde ich mich mit Elvis aus Frankreich, der dauerhaft im Tempel lebt und Mitglied des Demonstrationsteams ist, im oberen Freiluftstockwerk des Teegebäudes wieder. 108 komplette Verbeugungen zu machen hört sich einfacher an, als es tatsächlich ist. Ich versuche mich aufs Zählen zu konzentrieren, schweife aber mit meinen Gedanken immer wieder ab und stelle mir schlussendlich die Frage, warum ich das hier eigentlich mache. Aber genau das ist der gewünschte Effekt. Diese anstrengende Übung ist eine Zeit des sich selbst Beschränkens, in der man über sich selbst nachdenken soll, neue Schlüsse ziehen kann und sich von eigenen mentalen Bürden befreien soll. Moderne Buddhisten stellen außerdem positive körperliche Effekte der Übung heraus. Sie soll Blockaden der Energiebahnen auflösen und dadurch den Körper gesünder und den Geist klarer machen. Zumindest meine Knie sind heute anderer Meinung.

Ich verbringe den Nachmittag damit mir beide Vorführungen des Sunmudo Demonstration Teams anzusehen und mich mit anderen Tempelbesuchern zu unterhalten. Schließlich treffe ich auf Jasmin, die sich nach unserer anfänglich englischen Konversation als Hamburgerin entpuppt, die zudem auch noch in der gleichen Ecke wohnt wie ich. Sie hat den Tempel 2010 schon einmal für eine Woche besucht und sich entschlossen für drei Monate zu bleiben.

Es fängt an zu regnen. Die Luft wird frischer. Zu den vielen Grillen gesellen sich Dutzende von giftigen Fröschen aufs Tempelgelände. Erst letzte Woche ist eine Bewohnerin beim Wandern von einer giftigen Schlange gebissen worden und musste ins Krankenhaus gebracht werden. So etwas hätte ich in Korea tatsächlich nicht erwartet. Das Abendtraining beginnt. Da der Regen so schön niederprasselt ist der Meister heute in Entspannungsstimmung. Zu schöner Musik machen wir intensive, energetische Dehnungsübungen und meditieren. Immer wieder weist er uns auf das schöne Geräusch des Regens hin, das wir im Hier und Jetzt genießen dürfen.

Nach einem langen Tag falle ich um 20 Uhr völlig erschöpft auf meine Matte und schlafe sofort ein… Während ich so wegdöse freue ich mich heute fast 8 Stunden Schlaf zu kriegen. Um 4 Uhr werden wir wieder den Berg hinauf gehen. Wir werden es einfach tun. Ohne darüber nachzudenken…

Danach

Beim Verlassen des Tempels war ich zunächst der Überzeugung, dass mein Aufenthalt viel zu kurz war, um einen positiven Effekt daraus ziehen zu können. Doch das viel beschworene Hochgefühl nach einem Templestay hat auch mich erwischt. Einen Tag danach, insbesondere bei der Arbeit für diesen Artikel, spüre ich, wie wertvoll diese wundervolle Erfahrung für mich gewesen ist.

Ich sitze beim Frühstück in der Millionenstadt Busan und mir fällt mit Schrecken zum ersten Mal richtig auf, wie viel Essen weggeworfen wird. Ich fahre mit der U-Bahn und sehe, wie Menschen in die künstlichen Welten ihrer Smartphones fliehen. Die Stationen sind tapeziert mit Werbung, wie man sein Leben noch perfekter machen kann… Schönheitsoperationen, Fettabsaugung, Haartransplantationen, Diäten, teure Kleidung, wunderschöner Schmuck… alles ist machbar. Zumindst äußerlich. Du musst es nur wollen. Du musst! Im Golgulsa Tempel kümmert das niemanden. Es ist 10:48 Uhr. Dort verbeugt man sich gerade in aller Stille. 108 mal.

Golgulsa
San 304, Andong-Ri, Yang-buk Myeon
Gyeongju, GyeongBuk Province
South Korea, 780-890

www.sunmudo.net
www.templestay.com

Tipps zum Templestay in Golgulsa

  • Vor dem Templestay sollte man sich unbedingt 2-3 Tage in der nahegelegenen Stadt Gyeongju aufhalten. Von dort aus ist nicht nur die Anreise einfacher, es gibt auch wahnsinnig viel Interessantes zu sehen, weshalb die Stadt auch ‚das Museum ohne Mauern‘ genannt wird.
  • Anreise von Gyeongju aus mit den Bussen 100 und 150  (1.500 Won) in ca. 45 Minuten bis zur Haltestelle ‚Girimsa, Golgulsa and Andong Sam Giri‘. Während der Fahrt dorthin passiert man nach ca. 30 Minuten einen Tunnel. Die Haltestelle erreicht man ca. 5-10 Minuten nach Verlassen des Tunnels. Von der Bushaltestelle sind es noch etwa 10-20 Minuten zu Fuß. Am Straßenrand steht unübersehbar ein riesiger Wegweiser.
  • Eine Anreise mit dem Taxi ist bequemer, schlägt von Gyeongju aus jedoch mit 35.000 – 50.000 Won zu Buche. Dem Taxi Fahrer deutlich sagen, dass man zu ‚Golgulsa‘ möchte. Es könnte sonst passieren, dass man zum Touristenziel Bulguksa gefahren wird. Im Zweifel die Worte Sunmudo und Girimsa einstreuen oder am Besten den Namen des Tempels in koreanischer Schrift vorzeigen.
  • Check In zwischen 13-17 Uhr im Templestay Office am Tempeleingang. Unbedingt genug Bargeld mitführen. Die Kosten von 50.000 Won pro Nacht müssen bar beglichen werden.
  • Um einen Einblick in das Tempelleben zu bekommen reicht ein Aufenthalt von 2-3 Tagen völlig aus. Nichtsdestotrotz kann man so lange bleiben wie man möchte. Ich habe einige Besucher kennengelernt, die mehrere Woche oder Monate, oder sogar 1 Jahr lang am Tempelleben teilnehmen.
  • Sonntags wird das buddhistische Festmahl ‚Barugongyang‘ zelebriert. Auch bezeichnet als Ess-Meditation. Während des Essens darf nicht gesprochen werden. Das Essen wird in einer vorher erklärten bestimmten Reihenfolge zu sich genommen.
  • Vor den Toren des Tempels ist ein kleines Bistro, das gleichzeitig ein Supermarkt ist. Getränkeautomaten befinden sich auf dem Gelände. Wasser gibt es kostenlos in mehreren Wasserspendern. Eine Trinkflasche dabei zu haben ist sehr praktisch. An den Wasserspendern kann man auch heißes Wasser ziehen. Wer auf Kaffee nicht verzichten möchte sollte Instant Kaffee und eine Tasse im Gepäck haben.
  • Auf dem Tempelgelände darf kein Fleisch und kein Alkohol verzehrt werden. Keine Angst vor der vegetarischen Tempelküche. Sie gehört zu den Köstlichsten, die ich je gekostet habe.
  • W-Lan gibt es in der Nähe des Templestay Office. Je nach Wetterlage reicht das Signal bis in die daneben gelegenen Gästezimmer.
  • Das Tempelgelände liegt in wunderschöner Natur, die aber auch entsprechendes Getier mit sich bringt. Im Frühjahr ist die Anzahl der Insekten enorm und es kommen giftige Frösche und Schlangen vor.

 

3 Gedanken zu „Golgulsa: Zu Gast im buddhistischen Kampfkunsttempel“

  1. Ich bin beim Lesen immer begeisterter geworden! Wenn du wieder kommst, muss ich alles darüber erfahren! Ich fahre auch nach Golgulsa

  2. Ich muss dich zu deinem Bericht beglückwünschen. Habe über drei Jahre in Korea gelebt, war auch im gilgugsa. Einmaliges Erlebnis

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