DSCN1717eff

Jeju: Das andere Korea

Hochglanzbroschüren und Imagefilme preisen die kleine Vulkaninsel Jeju als  ‚tropenhaftes Paradies‘, als das ‚Juwel Koreas‘ oder gar als das ‚Hawaii Asiens‘. Täglich landen im beliebtesten Urlaubsziel der Koreaner (vor allem der Flitterwöchner) so viele Flugzeuge,  dass man nicht mal mehr von einem Viertelstundentakt sprechen kann. Hier erhebt sich der höchste Berg Koreas und seit 1.500 Jahren tauchen die Haenyo, die Seefrauen, ohne Atemgerät bis zu zwanzig Meter in die Tiefe um Meeresfrüchte zu ernten.

Bis vor 100 Jahren war die Insel komplett vom Festland abgeschnitten, was eine eigene Kultur und sogar einen eigenen Dialekt hervorbrachte. Ein anderes Korea.

Tag 1: Ein Traumstrand im Miniaturformat

Die ersten Eindrücke nach meiner Ankunft in Jeju City war der bislang vermisste Kulturschock. Der Bus hatte mich mitsamt meinem Gepäck gerade im Zentrum ausgespuckt und während man in Seoul ziemlich viel westlich geprägte Infrastruktur sieht, war hiervon weit und breit keine Spur. Der Großteil des Stadtbildes wurde von Massen an Schildern in der koreanischen Schrift Hangeul geprägt. Nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte machte ich einen Spaziergang zum Meer. Gut zwanzig Minuten lang lief ich die Straße hinab und fühlte mich selten so fremd wie hier. Es war fast ein Schock, als an der Meerespromenade eine McDonalds Filiale auftauchte.

Mit dem Bus machte ich mich auf den Weg die Küste entlang Richtung Westen um den traumhaften Hyopjae Beach zu besuchen. Die Fotos in den Reiseführern und den Hochglanzprospekten hatten nicht zuviel versprochen. Sie waren sogar ziemlich exakt. Der Strand mit der vor Jeju liegenden Insel Biyangdo ist wunderschön. Und so klein, dass er genau auf ein Foto passt… Trotzdem lud der Platz zum Verweilen ein. Ich lies mir den Wind um die Nase wehen, schlenderte ein wenig umher und genoss die ersten Eindrücke von Jeju.

Tag 2: Ein trüber Tag im Paradies

Beim Frühstück lernte ich Regine aus Budapest kennen, die sich während unseres kleines englischsprachigen Plausches als waschechte Berlinerin entpuppte. Regine hatte heute vor die Südküste der Insel zu erkunden. Ich warf meine eigentliche Pläne über den Haufen und schloss mich ihr an. Das Wetter machte uns einen Strich durch unseren Plan die berühmte Yeongmori Felsenküste zu besuchen, die wegen eines zu hohen Wasserpegels nicht zugänglich war. Also machten wir uns auf den Weg ins Jungmun Resort. Die fragwürdigen Touristenattraktionen, wie z. B. das Teddybär Museum oder das ‚Believe it or not‘ Museum, ließen wir links liegen und nahmen uns stattdessen die Wanderwege vor. Dabei unterhielten wir uns den ganzen Tag prächtig und ließen uns vom Wetter nicht die gute Laune vermiesen. Der Tag endete mit der Entdeckung des prächtigen Yakcheonsa Tempels außerhalb von Jungmun.

Tag 3: An einer koreanischen Pilgerstätte

Gottlob besserte sich das Wetter am nächsten Tag wieder und es hatte sich gelohnt den Besuch des östlichsten Punkts der Insel aufzuschieben. Der Sonnenaufgangsfelsen ‚Seongsan Ilchulbong‘ ist eine wahre Pilgerstätte für Koreaner. Der 182 Meter hohe Vulkanfelsen gehört zum UNESCO Weltnaturerbe. Von seinem Gipfel aus kann man über dem Kraterrand einen perfekten Sonnenaufgang beobachten. Der Aufstieg ist durch Treppen relativ einfach und die Aussicht auch ohne Sonnenaufgang spektakulär.

In einer kleinen Bucht am Fuße des Felsens befindet sich das ‚Haus der Taucherinnen‘. Die Haenyo (Seefrauen) tauchen ohne Atemgerät bis zu zwanzig Meter in die Tiefe um Meeresfrüchte zu ernten und können bis zu vier Minuten unter Wasser bleiben. Sie sind die lebenden Wahrzeichen der Insel. Nach Meeresfrüchten wird seit gut 1.500 Jahren getaucht. Dass dies heute ausschließlich Frauen tun liegt daran, dass im 17. Jahrhundert für Männer hohe Steuern eingeführt wurden, die die Tätigkeit für sie unprofitabel machten. Unprofitabel ist die Tätigkeit inzwischen auch für die Frauen in diesem aussterbenden Beruf geworden, der immer mehr zu einer gut inszenierten Touristenattraktion wird.

Tag 4: Die Bezwingung des Hallasan

Wer Jeju bereist muss den höchsten Berg Koreas, den Hallasan erklimmen. So steht es zumindest in sämtlichen Reiseführern. Und vier verschiedene Routen werden gleich mitgeliefert, von denen allerdings nur die zwei längsten auf den Gipfel führen, auf dem man in einen Krater blicken kann, in dem es einen See gibt.

Wenn schon, dann richtig dachte ich mir und machte mich nach dem Frühstück auf dem Weg um den 1.950 Meter hohen Gipfel des Hallasan auf der 9,6 Kilometer langen Seongpanak Route zu erklimmen. Ach erwähnte ich, dass ich noch nie in meinem Leben Bergwandern war? Und wann ich zum letzten Mal 20 Kilometer gewandert bin weiß ich auch nicht mehr. Wenn überhaupt…

Am Fuße des Berges wurde ich bereits mit der ersten Herausforderung konfrontiert. Um auf den Gipfel aufsteigen zu dürfen müsste ich die auf 1.500 Metern Höhe gelegene Jindallaebat Hütte bis spätestens 13:00 Uhr erreicht haben. Laut Infotafel wird für diesen Aufstieg eine Zeit von 3 Stunden vorgesehen. Es war allerdings schon 10:20 Uhr, so dass mir maximal 2 Stunden und 40 Minuten Zeit blieben. Fest entschlossen dies zu unterbieten machte ich mich auf den Weg.

Anfangs lief es sensationell gut. Die ersten 5,8 Kilometer werden als leichte Strecke ausgewiesen. Trotzdem musste ich auch hier schon über Stock und Stein klettern. Die darauf folgenden 1,5 Kilometer mit dem Schwierigkeitsgrad ’normal‘ wurden spürbar schwieriger, waren aber auch noch gut zu bewältigen, so dass ich die Hütte anstatt in den veranschlagten drei schon in zwei Stunden erreichte. Ich gönnte mir nur eine kurze Verschnaufspause und wagte den 2,3 Kilometer langen Aufstieg zum Gipfel mit dem Schwierigkeitsgrad ’schwer‘.

Und ’schwer‘ hat’s getroffen. Zumindest für meine ungeübten Verhältnisse. Selbst auf dem letzten Kilometer mit dem Ziel schon in Sichtweite dachte ich völlig erschöpft mit jedem Schritt daran den Gipfel einfach verloren zu geben und umzukehren. Aber hier kam mir wieder ein Prinzip der Kampfkünste zu Hilfe seine eigenen Grenzen zu überwinden und über sich hinauszuwachsen.

Ich musste auf den Stufen zum Gipfel des Öfteren pausieren und tarnte dies als Fotopausen. Zu meinem Trost ging es einem Großteil der anwesenden Wanderer wie mir. Aber als ich mit viel Mühe endlich den höchsten Punkt Koreas erreicht habe war das Gefühl unbeschreiblich und ich genoss meine Belohnung: ein Blick in den Krater des Hallasan mit dem berühmten Kratersee.

Die Realität holte mich schnell wieder ein. Nicht nur, dass sich gefühlt eine Millionen Insekten auf den nassgeschwitten, erschöpften Deutschen stürzten, mir kam auch in den Sinn, dass ich für den Rückweg die gesamte Strecke von 9,6 Kilometern wieder herabsteigen muss. Und das bei völliger Erschöpfung.

Nach circa 20 Minuten auf dem Gipfel nahm ich mir vor zumindest erstmal zur Jindallaebat Hütte zurückzukehren und dort etwas zu essen. Das hatte ich nämlich im Eifer des Gefechts völlig vergessen und mein Magen meldete sich unüberhörbar. Die 2,3 Kilometer bis zur Hütte kamen mir endlos vor. Der Abstieg war fast noch schwieriger als der Aufstieg und ich versuchte an andere Dinge zu denken, um mich abzulenken.

Auf der Hütte stärkte ich mich mit Instant Nudeln und Powerade, gönnte mir weitere zwanzig Minuten Pause und machte mich wieder auf den Weg. Es war inzwischen fast 15 Uhr und ich wollte natürlich den Fuß des Berges vor Einbruch der Dunkelheit gegen 18 Uhr erreicht haben. Mit viel Geduld, Willensstärke und mangels Alternative habe ich es dann natürlich geschafft und war um eine große Erfahrung reicher und um eine Sonnenbrille ärmer. Vermutlich liegt die noch auf der Hütte… ich hatte aber wirklich keine Lust umzukehren…

DSCN2066

DSCN2068

Tipps für die Insel Jeju

  • Die Insel ist ein Paradies für Natur- und Wanderfreunde. An der Touristeninformation am Flughafen (und sicherlich auch in jeder anderen Touristeninformation) gibt es den kostenlosen Wanderführer Jeju Olle Trail mit insgesamt 19 perfekt ausgewiesenen Routen. Für jede Route werden Schwierigkeitsgrad, Länge und Sehenswürdigkeiten auf dem Weg ausgewiesen. Außerdem gibt es Informationen über Übernachtungsmöglichkeiten und Restaurants mit Telefonnummern. Vor Ort sind die Olle Trails gut zu finden und der Weg perfekt ausgeschildert.
  • Auf Jeju muss man viele Strecken mit dem Bus zurück legen. In diesem Falle ist eine T-Money Card unbedingt empfehlenswert, um den Busfahrer nicht mit Geld wechseln zu belästigen. Selbige haben es auf Jeju immer unfassbar eilig. An einer Haltestelle unbedingt dem Bus winken, um das Signal zu geben, dass man mitfahren möchte. Manchmal wird es passieren, dass man durch die geöffnete Tür des noch rollenden Busses aufspringen muss. Kaum eingestiegen knallt die Tür hinter einem zu und der Bus nimmt wieder Geschwindigkeit auf. Dem Fahrer sagt man, wohin man möchte (gerne auch auf der Landkarte zeigen). Nach Anzeige des Fahrpreises hält man die T-Money Card gegen das Lesegerät und der Betrag wird abgezogen. Der unten angezeigte Betrag ist das Restguthaben. Die Karte kann in jedem Convenience Store oder am Intercity Bus Terminal am Schalter aufgeladen werden. Automaten zum Aufladen wie in Seoul gibt es nicht.
  • Während der Fahrt werden die Ansagen im Bus oftmals, aber nicht immer zweisprachig auf Koreanisch und Englisch eingespielt. An Touristen Hot Spots kommen noch Chinesisch und Japanisch dazu. Darauf verlassen kann man sich allerdings nicht. Manchmal sind die Ansagen nur auf Koreanisch oder im schlimmsten Falle gibt es keine. In diesem Falle empfiehlt sich auf der offiziellen Landkarte von Jeju (‚Tour Map of Jeju‘), erhältlich in den Touristeninformationen und vermutlich in allen Hotels, grob mitzulesen, wo man sich gerade befindet. Als Anhaltspunkt dient die Nummer der Straße auf der man gerade fährt. Alle Haltestellen wird man dort nicht ausfindig machen können. Wenn man unsicher ist, einfach Koreaner im Bus fragen ob dies nun die gewünschte Station ist. Bei der nächsten Station wiederholen. Man wird relativ schnell anbieten Bescheid zu geben, sobald die gewünschte Station angefahren wird.
  • Angesagt wird die nächste und die übernächste Station, damit man sich bereit machen kann. Kurz vor seinem Ziel muss man unbedingt den STOP Knopf drücken, da der Busfahrer sonst nur anhält, wenn jemand zusteigen will. Die Busse halten nur kurz, so dass man sich rechtzeitig vor der Station bereits nach vorne begeben muss. Selbst wenn der Gang voller Menschen steht und der Bus gnadenlos überfüllt ist (kommt relativ häufig vor) heißt es durch die Massen nach vorne kämpfen. Ist man nicht rechtzeitig an der Tür fährt der Bus weiter.
  • In den Bushaltestellen gibt es Monitore, die die verbleibende Zeit bis zum Eintreffen des nächsten Busses anzeigen. Diese Information ist allerdings recht unverbindlich. Sollte ein Bus Verspätung haben erfährt man hiervon nichts. Hier hilft nur Ruhe bewahren und hoffen, dass der gewünschte Bus gleich um die Ecke fährt.
  • Den Bus 700 gibt es zweimal. Einer der Busse fährt Richtung Westen die Küste entlang. Der andere Richtung Osten. Auch den Bus 500 am Flughafen gibt es zweimal. In die Innenstadt von Jeju City kommt man mit Bus 500 Richtung Universität.
  • In Jeju City gibt es um die Station ‚City Hall‘ ein vibrierendes Nachtleben mit internationaler Küche.
  • Übernachtet habe ich für den kleinen Geldbeutel im Hostel ‚Backpackers in Jeju City Center‘. Der Aufenthalt war traumhaft. Das Personal ist extrem freundlich und hilft unaufgefordert beim Planen des Inseltrips. Aus dem Stehgreif können Buslinien und Abfahrtzeiten aufgesagt werden. Den aktuellen Wetterbericht gibt es dazu. In der Küche ist der Kühlschrank prall gefüllt mit Lebensmitteln, an denen man sich kostenlos bedienen kann. Das Brot ist selbst gebacken und köstlich. Im Bücherregal im Flur gibt es jede Menge Reiseführer zum Ausleihen. Neben einem öffentlichen PC im Flur ist auf jedem Zimmer ein Netbook oder iPad zu finden. Das Wi-Fi funktioniert exzellent. Auf jedem Stockwerk ist ein eigener Wi-Fi Hotspot für 3-4 Zimmer.  Eine Waschmaschine ist vorhanden. Ein Trockner nicht. Dafür gibt es in den Zimmern Wäscheleinen und man kann Wäscheständer auf der Dachterasse nutzen. Der Aufenthalt war perfekt. Vom Airport Bus 500 Richtung Universität, an der Station City Hall aussteigen, gegen die Fahrtrichtung die Straße runter laufen (nicht den Berg rauf) und die nächste links abbiegen (Stand heute war dort ein ‚Dunkin Donuts‘). Dann wieder links in eine kleine Seitenstraße einbiegen. Das Hostel hat eine Leuchtreklame mit einem Bett und den Buchstaben ‚Zzzzz‘.
  • Tag 1: Hyopjae Beach: Bus 700 Richtung Westen bis Haltestelle ‚Hyopjae Beach‘ (ca. 1 Stunde)
  • Tag 2: Jungmun Resort: Bus 780 vom Intercity Bus Terminal nach ‚Jungmun Resort‘ (ca. 1 Stunde)
  • Tag 3: Sunrise Peak: Bus 700 (ostwärts an der Küste entlang) oder 710 (schneller!) bis ‚Seongsang Ilchulbon Peak‘. Vorsicht: Nicht alle Busse der Linien fahren diese Station an. Unbedingt beim Busfahrer beim Einsteigen nachfragen (ca 60-80 Minuten)
  • Tag 4: Berg Hallasan (Seongpanak Aufstieg): Bus 780 bis ‚Seongpanak Rest Area‘ (ca. 40 Minuten)

Kommentar verfassen