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Genozid

Vor 40 Jahren begann das düsterste Kapitel in der Geschichte Kambodschas. Unter der Schreckensherrschaft der ‚Roten Khmer‘ wurden über 2 Millionen Kambodschaner auf grauenvollste Weise ermordet. In der Hauptstadt Phnom Penh erinnert man eindringlich an 3 Jahre 8 Monate und 20 Tage Terror.

In der Geschichte gibt es viele Ereignisse, die uns sprachlos zurücklassen. Vor allem wenn man nicht begreifen kann, was Menschen sich untereinander antun. In Kambodscha hat sich ein Verbrechen an die Menschheit zugetragen, das mir in diesen Ausmaßen vor meinem Besuch nicht bewusst war.

Natürlich stellt man sich immer wieder die Frage, wie es zu so etwas kommen konnte. Die Vorgeschichte ist lang. Durch vielerlei Umstände und politischen Verwirrungen, die im Zusammenhang mit dem Krieg im Nachbarland Vietnam standen, brach 1970 in Kambodscha ein Bürgerkrieg aus. Fünf Jahre lang bekämpften sich die ‚Khmer Republik‘, wie das Land Kambodscha damals hieß und die ‚Kommunistische Partei von Kampuchea‘, besser bekannt als ‚Rote Khmer‘. Deren Führer Pol Pot hatte über Jahre hinweg mit der Unterstützung des kommunistischen Nordvietnams eine Guerillabewegung aufgebaut. In der verarmten Landbevölkerung stieß er auf viel Zuspruch. Den Menschen ging es auch zu Friedenszeiten schon schlecht und die Wut auf die Politik war groß.

Als am 17. April 1975 die Roten Khmer in die Hauptstadt Phnom Penh einmarschierten und damit den Bürgerkrieg beendeten, wurden sie zunächst von der kambodschanischen Bevölkerung bejubelt. Niemand konnte erahnen, dass noch am selben Tag ein unfassbarer Horror über die Menschen kommen würde.

Sofort begannen die Roten Khmer mit der Umgestaltung der Gesellschaft zur Errichtung eines vom Ausland völlig unabhängigen, radikal-kommunistischen Agrarstaates. Kaum in Phnom Penh einmarschiert zwang man die Stadtbevölkerung, immerhin über 2 Millionen Einwohner, ihre Häuser zu verlassen, verpasste ihnen eine schwarze Einheitskleidung und trennte sie von ihren Familien. In wochenlangen Märschen wurden sie aufs Land hinaus getrieben und zu Arbeit auf Reisfeldern gezwungen. Tausende Menschen überlebten schon die Strapazen der Märsche nicht.

Man schaffte Geld ab, verbot Religionen, verbrannte Bücher, schloss alle Schulen und Industriebetriebe. Man zerstörte Krankenhäuser und ermordete Ärzte und Lehrer. Untereinander durften die Menschen sich nur noch mit ‚Kamerad‘ anreden, wenn es ihnen überhaupt erlaubt war zu sprechen. Sogar Gefühlsäußerungen wie Lachen oder Weinen wurde ihnen verboten. Es gab keinen Privatbesitz mehr. Keine Individualität der Menschen. Gegenüber dem Ausland isolierte man sich vollständig und zerstörte sämtliche Kommunikationsmittel. Dadurch erfuhr die Weltöffentlichkeit nichts von all dem, was sich innerhalb des Landes zutrug.

Innerhalb weniger Monate schaffte man es ein ganzes Land in ein gigantisches Arbeitslager zu verwandeln mit all seinen Bewohnern als Gefangene.

Die wahnsinnige Vision der Roten Khmer war die Wiederauferstehung des Angkor Reiches. Dessen Reichtum war einem Reisanbau in überdimensionalem Maße zu verdanken. Allerdings vermuten Forscher heute, dass es auch genau daran zu Grunde ging. Diktator Pol Pot forderte von den Zwangsarbeitern die sofortige Verdreifachung der Reisernte. Reis sollte zukünftig gegenüber dem Ausland auch als Zahlungsmittel dienen, zum Beispiel für Waffenlieferungen aus China.

Die Arbeitsbedingungen waren unmenschlich. Wer nicht ordentlich arbeitete wurde erschlagen. Viele verdursteten, verhungerten oder erlagen Krankheiten. In der vorherrschenden Willkür konnte jeder zum politischen Feind erklärt werden. Egal ob durch ein falsches Wort, ein Schwächeanfall oder das Aufheben einer vom Baum gefallenen Frucht. Vielen wurde unterstellt mit dem Ausland zu kollaborieren. Die Paranoia war grenzenlos. In Massensäuberungen wurden unerwünschte Personen mitsamt ihrer Familien umgebracht.

In 3 Jahren 8 Monaten und 20 Tagen wurden zwischen 1,4 und 2,2 Millionen Kambodschaner getötet. Von Kambodschanern.

Tuol Sleng Genozid Museum

Eine ehemalige Schule in Phnom Penh wurde von den Roten Khmer zu einem Gefängnis umfunktioniert. Aus ehemaligen Klassenräumen wurden Gefängnis- und Folterzellen und das komplette Gelände mit unter Strom stehenden Stacheldraht umzäunt. Im früheren Schulhof wurde ein Galgen aufgestellt.

Die Roten Khmer haben alle Gefangenen nicht nur bei ihrer Ankunft im S-21 Gefängnis – so der offizielle Name – fotografiert, sondern auch zum Zeitpunkt ihres Todes. Im Museum sind all diese Fotos zu sehen. Schonungslos.

In verschiedenen Ausstellung werden die Schicksale der Gefangenen aufgearbeitet. 14.000 Menschen sind hier gestorben. Sieben haben überlebt. Sie kommen zu Wort. Ihre Geschichte und ihre Wünsche an zukünftige Generationen sind auf großen Interviewtafeln festgehalten. Manche von ihnen haben Bücher geschrieben und verkaufen diese direkt vor Ort. In einem Film erlebt man die Begegnung eines Überlebenden mit einem damaligen Wärter und kann viele Szenen kaum ertragen.

Die letzten 14 Opfer des Gefängnisses wurden nach dessen Befreiung auf dem Gelände beigesetzt. Man fotografierte wie man sie vorfand. Und hängte die entsetzlichen Bilder als Mahnung in den Räumen auf in denen sie starben.

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Die Ruhestätte der letzten 14 Opfer von S-21. Im Hintergrund der Galgen, der für Hinrichtungen aufgestellt wurde.
Die Ruhestätte der letzten 14 Opfer von S-21. Im Hintergrund der Galgen, der für Hinrichtungen aufgestellt wurde.

Killing Fields – Das Choeung Ek Völkermord Gedenkzentrum

Das Töten nahm immer größere Ausmaße an und bald waren die Kapazitäten der Gefängnisse nicht mehr ausreichend. 14 Kilometer südwestlich von Phnom Penh wurden auf einem ehemaligen chinesischen Friedhof über 200.000 Menschen von den Roten Khmer umgebracht. Dies war nur eines von vielen ‚Killing Fields‘ im gesamten Land. Bislang hat man die Überreste von über 1,3 Millionen getöteter Menschen in unzähligen Massengräbern gefunden. Um Munition zu sparen wurden die Menschen mit Eisenstangen oder Äxten erschlagen.

Die sterblichen Überreste werden in Choeung Ek in der eigens dafür erbauten Gedächtnisstupa aufbewahrt. Noch heute werden Knochen oder Kleidungsreste durch starke Regenfälle freigespült und oftmals an Ort und Stelle belassen, unter anderem als Beweismaterial für die viel zu spät aufgenommenen und immer noch anhaltenden Gerichtsprozesse gegen die Roten Khmer.

Ein Audioguide schilderte mir eindringlich was sich auf diesem Gelände damals Entsetzliches zugetragen hatte. Vollends die Nerven verlor ich am sogenannten Killing Tree, gegen dessen Stamm man die Köpfe der Kleinkinder geschlagen hat, um sie im Anschluss direkt in ihr Massengrab zu werfen. Ich brach hemmungslos in Tränen aus.

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Eines der Massengräber
Eines der Massengräber

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Immer noch werden Kleidungsreste (links) und Knochen von starken Regenfällen freigelegt
Immer noch werden Kleidungsreste (links) und Knochen von starken Regenfällen freigelegt

Weihnachten 1978 marschierten die Truppen des wiedervereinigten Vietnams ein und stürzten im Januar 1979 das Pol Pot Regime. Das Kapitel Rote Khmer war dadurch aber noch nicht zu Ende. Bis in die späten 1990er Jahre hinein sorgten sie für weitere Bürgerkriege und schwere Unruhen im Lande. Diktator Pol Pot starb 1998 mit 69 Jahren vermutlich durch Suizid. Eine Autopsie konnte nicht durchgeführt werden, da die Roten Khmer dies ablehnten und seinen Leichnam schnell verbrannten. Verurteilt wurde er für seine Verbrechen nie. Am Ende des gleichen Jahres kapitulierten die letzten Roten Khmer. Beobachtern zufolge sind sie heute noch im Untergrund aktiv, stellen jedoch keine Gefahr mehr dar.

Seit 2007 werden die Verbrechen der Roten Khmer endlich aufgearbeitet. Die Prozesse dauern bis heute an.

Tipps 

  • Besichtigungen des Gefängnisses ‚Tuol Sleung‘ und des ‚Killing Fields‘ kann man bei einem TukTuk Fahrer zusammen für etwa 20$ buchen oder in komplette Tages-Stadttouren mit einbauen.
  • Ich habe in ‚Tuol Sleung‘ etwa 4 Stunden verbracht. Eine Stunde davon habe ich einen Film gesehen. Die Ausstellung konnte ich in diesem Zeitrahmen ausreichend studieren. Eintritt 3$. Broschüre mit Erklärungen zum Gelände 3$. Getränke gibt es auf dem Gelände, sowie viel Literatur, u.a. von Überlebenden, die vor Ort sind.
  • Im Eintrittspreis der ‚Killing Fields‘ Choneung Ek von 3$ ist ein kostenloser Audioguide inbegriffen, den man unbedingt wahrnehmen sollte. Es gibt ein kleines Museum und es wird ein 15-minütiger Film gezeigt. Zeitaufwand insgesamt 1.5 – 2 Stunden.

3 Gedanken zu „Genozid“

  1. Einfach unfassbar!

    Nachdem das Dritte Reich aehnliche Ausmasse angenommen hatte, ist es schwer vorstellbar, dass die Khmer Rouge so masslos wueten konnte! Noch unvorstellbarer ist es, dass wir nun schon wieder – im Angesicht von ISIS – den Sand in den Kopf stecken. Und wir wissen genau was lost ist. Es GIBT Leute die vor nichts zurueckschrecken. Muessen wir wieder 9 oder 3 Jahre warten bis das ein Ende nimmt?

    Danke, Kim, fuer diesen bewegenden Beitrag. ET

  2. Leider scheint mein Onkel recht zu haben mit seiner Aussage damals das es frieden auf unserem Planeten nur gibt wenn es keine Menschen mehr gibt, denn immer wird’s einen Menschen geben der besser dastehen will als der Rest.
    Schlimm das der Mensch bei aller Leistung und Wissen dieses wohl nie lernen wird, auch aus der Geschichte nicht.

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