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Shwedagon

Der Shwedagon ist das religiöse Zentrum Myanmars und eines der größten buddhistischen Heiligtümer der Welt. Wie schreibt man über einen Ort, der einem die Sprache verschlagen hat?

Auf meinen Reisen erlebe ich immer eine Gefühlsachterbahn. Ich bin enttäuscht von Orten, die ich mir anders vorgestellt habe. Ich bin glücklich über unerwartete Begegnungen mit Menschen. Ich bin erleichtert, wenn sich schwierige Planungen erfüllen. Ich bin euphorisch, wenn alles Gute des Reisens sich in der Sekunde trifft.

Aber es gibt noch ein Gefühl darüber hinaus, dass man schwer in Worte fassen kann. Es gibt viele neudeutsche Begriffe dafür, die mir jedoch nicht weit genug gehen. Dieses Gefühl am richtigen Ort zu sein. Zur richtigen Zeit.  Und ein Teil davon zu sein. Ein tiefes Erleben vollkommener Zufriedenheit.

Nichts konnte mich auf den Besuch des Shwedagon vorbereiten. Ich habe viele Bücher gelesen, Dokumentationen gesehen, mich durch Reiseberichte geklickt und sogar die ARD Schmonzette ‚Das Traumhotel‘ ertragen. Ich war begeistert von dem riesigen goldenen Stupa, der erhaben über der größten Stadt Myanmars thront. Wie viel mehr Shwedagon ist, konnte ich nicht ahnen.

Wohl wissend, dass kein Foto, kein Video und kein Text das ausdrücken kann, was ich bei meinen Besuchen dort empfunden habe, wage ich trotzdem den Versuch ein paar Zeilen zu schreiben. Ich möchte mich aber nicht zu sehr in den umfangreichen architektonischen oder historischen Details verlieren. Eine gute Zusammenfassung bietet bei Interesse die englischsprachige Wikipedia.

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Der Shwedagon ist das religiöse Zentrum Myanmars. Der wichtigste Sakralbau des Landes soll noch zu Lebzeiten Buddhas, vor über 2.500 Jahren im Jahre 486 v. Chr. errichtet worden sein. Zwei Brüder, die als Händler Buddha begegneten, sollen von ihm acht seiner Kopfhaare erhalten haben, die in einer goldenen Schatulle in einer zehn Meter hohen Pagode eingemauert wurden. Über die Jahrhunderte wuchs der Shwedagon. Unter der Herrschaft von König Hsinbyushin erreichte der Stupa im Jahre 1774 seine heutige Höhe von 98 Metern. Er ist mit 60 Tonnen Gold verkleidet und an der Spitze mit 5.448 Diamanten und 2.317 Rubinen verziert, gekrönt von einem 76-karätigen Diamanten.

Ich betrat den Shwedagon an einem Freitagmorgen durch den Südeingang. Es war ein Feiertag, der dem burmesischen Neujahrsfest Thingyan vorausging und die heiligste Stätte der Burmesen war dementsprechend gut besucht. Ein Aufzug brachte mich auf die Plattform der Pagode, über deren Ausmaße ich mir vorher schlichtweg keine Gedanken gemacht hatte.  Sie ist etwa 60.000 Quadratmeter groß und mit weißem Marmor gepflastert. Rund um den großen Hauptstupa befinden sich weitere 68 Stupas, sowie unzählige Schreine.

Ich war von der ersten Sekunde an überwältigt.

Tausende von Gläubigen hauchten dem Shwedagon Leben und Ruhe gleichzeitig ein. Egal wo ich hinsah, ich war fasziniert. Gläubige waren in Gebeten oder Meditation versunken, feierten gemeinsam die verschiedensten Zeremonien oder schlenderten gemütlich über die riesige Plattform. Manch einer schlummerte im Schatten eines Bodhi Baumes, andere packten den Picknickkorb aus und ein Fernsehteam hatte sichtbar Mühe den Feiertagstrubel einzufangen.

1DSCN7992 2DSCN7990 3DSCN8003 5DSCN8105 6DSCN8110 8DSCN8724 9DSCN8697Es waren nicht ganz so viele Touristen da und als relativ stabil gebauter Mitteleuropäer fällt man in Myanmar durchaus noch auf. Hätte ich jedes Mal 1 Euro für ein Foto mit mir genommen wäre mein Aufenthalt in Rangun wohl finanziert gewesen. Eine Gruppe Jugendlicher nahm mich in Beschlag und wollte wissen, woher ich komme und was ich mir in Myanmar ansehen werde. Ich berichtete ihnen ein wenig von dem derzeit herrschenden Wetter in Deutschland und dass ihr Land derzeit in unzähligen Dokumentation auf unseren Fernsehschirmen zu bewundern ist. Das hat sie sehr begeistert.

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Ich lies mich auf viele weitere Gespräche ein und erfuhr so, dass heute für viele burmesische Jungen die Shin Pyu-Zeremonie gefeiert wurde. Burmesische Jungen bzw. Männer treten in ihrem Leben zwei Mal in ein Kloster ein. Für eine Woche, einen Monat oder ein Jahr. Kann man den Eintritt in jüngeren Jahren noch als eine Art ‚Konfirmation‘ oder ‚Kommunion‘ betrachten, geht es im Erwachsenenalter bewusst darum, für sich und seine Familie positive Verdienste zu erwerben. In ländlicheren Regionen werden Kinder auch heute noch ins Kloster geschickt, da dieses dort die einzige Möglichkeit einer Schulbildung darstellt. Ich unterhielt mich lange mit einem 18jährigen Mönch, der seit seinem 10. Lebensjahr im Kloster lebt. Höflich fragte er mich, ob er sich mit mir unterhalten dürfte, um sein Englisch zu verbessern. Er forderte mich sogar auf ihn zu korrigieren. Sein großer Traum ist es in Bangkok ein Restaurant zu eröffnen. Ich wünsche es ihm.

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Kinder werden bei der Shin Pyu-Zeremonie auf den Schultern getragen (mehr Eindrücke habe ich gefilmt. Video folgt.)

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Er sagt mir, dass es wichtig sei zu wissen, an welchem Wochentag man geboren wurde. Ich wusste es nicht und ein älterer Herr neben uns zückte ein Buch, in dem er meinen Geburtstag nachschlagen konnte. Es war ein Mittwoch. Ausgerechnet. Denn der existiert in Myanmars 8 Tage Woche zweimal. Vormittag und Nachmittag gelten als eigenständige Tage. Soweit ich mich entsinnen kann bin ich nachmittags geboren worden und wir suchen den dazugehörigen Rahu Schrein auf. Dort wasche ich Buddha. Das soll Glück bringen.

DSCN8126Stundenlang schlenderte ich weiter, entdeckte immer wieder neue Dinge und lies sie auf mich wirken.

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Die Bodhi Bäume auf dem Gelände sollen Ableger des Baumes sein, unter dem Buddha im indischen Bodhagaya seine Erleuchtung fand.

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Myanmar ist im Aufbruch. Internet und Geldautomaten waren vor 5 Jahren noch Fremdworte. Inzwischen sind sie sogar im größten Heiligtum verfügbar.

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Wenn der Abend kommt wird der Shwedagon in ein atemberaubendes Licht getaucht. In der blauen Stunde leuchtet der Hauptstupa besonders prachtvoll. Gleichzeitig merkt man wie die drückende Hitze einem angenehmen Abendwind weicht. Langsam werden die Vorbereitungen für die Nacht getroffen. Wie alle anderen Pagoden auch wird der Shwedagon täglich von den Gläubigen gereinigt. Frauen fegen in einem abendlichen Ritual die Plattform sauber. Tausende von Öllichtern werden aufgestellt, Gläubige entzünden Kerzen und Räucherstäbchen und tauchen die Anlage nach Einbruch der Dunkelheit in eine Atmosphäre, für die mir jegliche Worte fehlen.

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Das abendliche Reinigungsritual
Das abendliche Reinigungsritual. Frauen kehren die Plattform des Shwedagon

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Eine seiner Geschichten finde ich in meinem Reiseführer wieder, nämlich die der Maha Gandha Glocke, die die Briten 1825 nach dem Anglo-Birmanischen Krieg stahlen, aber schlussendlich damit im Fluss versanken. Nach vielen gescheiterten Bergungsversuchen gaben sie die Glocke großzügigerweise den Burmesen zurück. Denen gelang ein Kunststück. Taucher befestigten Bambusrohre an der Glocke und konnten sie dadurch zurück ans Ufer bringen. Eine Glanzleistung, die die Burmesen zu Recht bis heute noch mit Stolz erfüllt.

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Die geborgene Maha Gandha Glocke

Mein Guide zeigte mir Aussichtspunkte, an denen man den 76-karätigen Diamanten in den verschiedensten Farben funkeln sehen konnte, führte mich zu der Gedenksäule, die an die Studentenaufstände gegen die britische Kolonialmacht im Jahre 1920 erinnert und hatte sich für den Schluss noch eine echte Gruselgeschichte aufgehoben, deren Wahrheitsgehalt ich nicht verifizieren konnte.

Er berichtete von mir einer berühmten, streng gläubigen Schauspielerin, die „den Buddhismus ein bisschen zuviel studiert“ habe. Angeblich hat diese Dame sich noch zu Lebzeiten ihre Augen entnehmen, um diese einer Buddha Statue einsetzen zu lassen. Ich musste mehrmals nachfragen, ob diese Geschichte wirklich wahr sei. Er versicherte es mir und führte mich zur besagten Buddha Statue, damit ich mir selbst ein Bild machen konnte. Zunächst lief mir ein kalter Schauer über den Rücken, aber dann fiel mir ein, dass das Phänomen der Plastination kompletter Körper in Deutschland sogar als Wanderausstellung größte Hallen füllt.

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Die Dame sei inzwischen verstorben.  Ihre Augen hatten viel gesehen. Dadurch glaubte sie, sei diese Opfergabe besonders wertvoll und hofft nun auf die Wiedergeburt in einem besseren Leben. Oder auf die Erlösung im Nirwana.

In einer ruhigen Ecke verabschiedeten wir uns voneinander.

Ich drehte eine letzte Runde durch den Shwedagon und suchte noch einmal ‚meine Ecke‘ auf. Zum Abschied wusch ich den Buddha und ließ mich für eine kurze Meditation auf den warmen Marmorplatten nieder. Ich genoss diese herrliche Atmosphäre und dieses wundervolle Gefühl. Ich wusste, dass ich es wieder ziehen lassen muss.

Der Abschied fiel mir schwer. Wie verlässt man solch einen Ort? Ich habe ‚Auf Wiedersehen‘ gesagt. Ich weiß, dass ich zurück kommen werde.

Tipps für den Shwedagon

  • Wie in allen Pagoden in Myanmar sind Schuhe und Socken auszuziehen und es ist auf dezente Kleidung zu achten (keine Shorts, keine ärmellose Shirts). Sonnenschutz nicht vergessen.
  • Auf der Plattform bieten unzählige mehr oder wenig gut Englisch sprechende Guides ihre Dienste an. Wer einen ganzen Tag Zeit hat, sollte nach Einbruch der Dunkelheit darauf zurückgreifen. Es herrscht weniger Andrang und die Blicke auf den funkelnden Diamanten sind atemberaubend.
  • Außerdem bieten viele Fotografen ihre Dienste an, die gegen geringes Entgelt auch Bilder mit der Kamera des Gastes schießen. Je weniger los ist, desto mehr Zeit nehmen sie sich dafür.
  • Die Moderne hat im Rahmen von Geldautomaten und WiFi Einzug im Shwedagon gehalten.
  • An den vier Haupteingängen gibt es viele Souvenirhändler und es werden Getränke verkauft. Offiziell dürfen keine Bildnisse Buddhas aus dem Land ausgeführt werden. In der Praxis scheint sich niemand daran zu halten, solange man Buddha nicht achtlos im Koffer zwischen die Dreckwäsche legt. Wer auf Nummer sicher gehen will findet zahlreiche andere schöne Erinnerungsstücke.
  • Viele Einheimische suchen ohne Hintergedanken das Gespräch, um ihr gelerntes Englisch einzusetzen. Als weißer Westler kann einem zudem passieren, dass man wie ein Popstar behandelt wird und dutzendfach fotografiert wird. Entweder wird man direkt darum gebeten, oder es passiert mehr oder weniger heimlich.
  • Eintritt 8$ (Stand 03/2015). Das Ticket ist ganztägig gültig, so dass man die Morgen- und Abendstunden genießen kann. Zusätzlich zur Eintrittskarte wird ein Aufkleber auf dem Hemd angebracht. Ausländer ohne Aufkleber werden angesprochen, ob sie den Eintritt entrichtet haben. Taschen werden im Eingangsbereich durchleuchtet.

 

5 Gedanken zu „Shwedagon“

  1. OHHHH MEIN GOTT…..ich bin begeistert, Kim , ich krieg Gänsehaut….das muß ja ein feeling sein, der Wahnsinn…..Abends,, die Lichter, die Düfte….. die Umgebung, Hammer…….ich muß dahin….
    Moni

  2. Wir sind gestern Abend von einer 5-tägigen Reise vom Gardasee zurück gekommen und lese gerade begeistert deine Reiseberichte als wären sie Geschichten aus Tausendundeinernacht. Einfach ein Traum, den ich mir niemals erfüllen kann. Danke, dass ich durch deinen Blog visuell daran teilhaben darf.

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