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Osaka: Die Unterschätzte

Unterwegs in Japan traf ich viele Reisende, die mir rieten meinen geplanten Besuch in Osaka zu streichen, da es dort kaum Sehenswürdigkeiten gäbe. Mit genug Zeit im Gepäck ließ ich mich trotzdem auf die quirlige Stadt ein, die als die weltoffenste in Japan gilt. Laut, eng und bunt hat sie mich vom ersten Moment an für sich eingenommen. Osaka diente als visuelle Inspiration für einen Science Fiction Klassiker und brachte zwei typische japanische Erfindungen hervor, von denen eine die Welt eroberte.

Als ich zum ersten Mal in Osaka aus der U-Bahn an die Oberfläche stieg, verschlug es mir erstmal den Atem. Es war laut. Es war heiß. Es war eng. Und ich fand mich unter der Brücke einer mehrspurigen Stadtautobahn wieder, deren Betonpfeiler so groß waren, dass man das Gefühl bekam Osakas Partnerstadt (und meine Heimatstadt) Hamburg hätte die Köhlbrandbrücke einmal quer durch ein Wohngebiet gezogen.

Gottlob wurde es in den Seitenstraßen gleich ruhiger und nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte suchte ich mir erstmal ein Café mit WiFi um meinen weiteren Aufenthalt zu planen. Das dauerte dann auch etwas, denn während man in Korea günstiges und vor allem leistungsstarkes Internet nahezu an jeder Straßenecke aufgezwungen bekommt, ist dies im ansonsten hochtechnisierten Japan noch nicht der Fall. Selbst in den gebuchten Unterkünften ließ die Qualität oft zu wünschen übrig und so musste ich mir oft anderweitig behelfen. So schreibe ich diesen Artikel gerade in einem Café ohne Internetzugang, nutze aber das nicht geschützte WiFi des benachbarten Hotels, dessen Signal bis hierher reicht. Ich weiß, IT Sicherheitsexperten schlagen gerade die Hände über dem Kopf zusammen, aber glaubt mir, es war schon schwierig genug diese Möglichkeit zu finden.

Da sich mein erster Tag schon dem Ende zuneigte und es langsam dunkel wurde beschloss ich als erstes den berühmtesten Touristenspot von Osaka aufzusuchen. Das Vergnügungsviertel Dotonbori mit seinem Lichtermeer aus Leuchtreklamen und einem verrückten, multikulturellen Gewusel bis tief in die Nacht. Tausende Menschen irren zwischen den endlosen Straßen voller Restaurants, Bars und Nachtclubs hin und her und man sagt, dass Ridley Scott hier seine Inspiration für die Optik des Los Angeles im Jahre 2019 für seinen Kultfilm ‚Blade Runner‘ gefunden hat. 1989 drehte er Teile seines Films ‚Black Rain‘ hier, dessen Handlung auch in Osaka angesiedelt ist.

In Hiroshima lernte ich bereits die regionale Spezialität Okonomiyaki kennen und lieben und ich musste unbedingt die Osaka Variante dieses pfannkuchenähnlichen Gerichts probieren. Natürlich wurde ich in Dotonbori fündig. Okonomiyaki ist einem Pfannkuchen sehr ähnlich und gibt es in unzähligen Variationen. Oft wird es auf einer heißen Eisenplatte direkt am Tisch gebraten und auf zusätzliche Wünsche der Gäste eingegangen. Clou des Ganzen ist eine spezielle Okonomiyaki Sauce, die zum Schluss, manchmal mit Mayonnaise auf den Bratling gegeben wird. Traumhaft. Guten Appetit.

In der Nacht regnete es zum ersten Mal so richtig während meiner Reise und angesichts der dauerhaft heißen Temperaturen war das eine echte Wohltat, schien aber wohl auch schon den Beginn der Regenzeit in Japan einzuläuten, die meistens eigentlich erst in der zweiten Juni Hälfte beginnt.

Der Morgen war teilweise sonnig und so machte ich mich auf den Weg zu der einzigen ‚klassischen‘ Sehenswürdigkeit der Stadt. Die Burg von Osaka ist eine der größten und berühmtesten Japans und entstand im Jahre 1583 und wurde 1615 bereits zum ersten Mal komplett zerstört. Es folgten unzählige Wiederaufbauten und Zerstörungen, zuletzt im Zweiten Weltkrieg im Jahre 1945. Die aktuelle Rekonstruktion stammt aus dem Jahre 1997 und bleibt uns hoffentlich länger erhalten. Im Inneren befindet sich heute ein Museum.

Die futuristische Variante einer Burg findet man auf der anderen Seite der Stadt im Business Viertel Umeda: Das 173 Meter hohe Umeda Sky Building des japanischen Architekten Hiroshi Hara. Auf dem Dach gibt es mit den ‚Floating Gardens‘ einen fantastischen Ausblick über die Skyline von Osaka. Der Zugang erfolgt über Rolltreppen, die quer unter dem Dach hängend von einem Turm in den nächsten führen. In dem Gebäude ist im 33. Stock das deutsche Konsulat untergebracht.

Mein Abendessen plante ich in einem Sushi Restaurant, das Geschichte geschrieben hat. Der Inhaber des ‚Genroku Sushi‘ in der Nähe des Bahnhofes Fuse hatte 1958 nach einer Besichtigung einer Brauerei die Idee, die dortigen Förderbänder für sein Restaurant abzuwandeln, um seine Gäste schneller bedienen zu können. Das Viertel war zu jener Zeit ein Industrieviertel und nach Feierabend wurden die Restaurants hungrig von den Arbeitern gestürmt, die sich mit dem preiswerten Sushi versorgen wollten. Zu Stoßzeiten konnten die Köche oft den Wünschen der Gäste nicht mehr in angemessener Zeit nachkommen. Mit dem Förderband wurde der Betrieb kurzerhand umgestellt. Die Köche produzierten fleißig verschiedene Sorten von Sushi, stellten sie aufs Band und die Gäste konnten sich nehmen, was sie möchten. Bezahlt wird heute noch pro genommenen Teller und zwar hier in Japan zwischen 60 und 90 Euro Cent. 1970 eröffnete Genroku Sushi eine Filiale in der Nähe des Expo Geländes und der Rest ist Geschichte… Internationale Besucher waren so fasziniert von dieser Idee, dass sie sie in die Welt hinaus trugen.

Eine andere typisch japanische Erfindung wurde auch durch die Expo 1970 inspiriert, konnte sich international aber nicht durchsetzen. Der japanische Architekt Kisho Kurokawa baute für die Weltausstellung und später in Tokio Gebäude, die sich aus Wohnkapseln zusammensetzen. In Osaka waren die Inhaber eines Saunabetriebes interessiert an dieser Idee. In den Saunen übernachteten damals viele Geschäftsleute, die nach langen Sitzungen ihren letzten Zug nach Hause verpasst hatten. Die Saunen hatten rund um die Uhr geöffnet und waren zudem noch wesentlich günstiger als klassische Hotels. Man verpflichtete Kurokawa für einen Entwurf und 1979 wurde das erste Kapselhotel der Welt, das ‚Capsule Inn Osaka‘ eröffnet. Bis heute sind die meisten Kapselhotels übrigens ausschließlich für Männer zugänglich und mit einer Saunalandschaft verbunden.

Interessant waren die vielen Reaktionen, die ich schon im Vorfeld auf diesen geplanten Ausflug erhielt. Ich war von Anfang an extrem neugierig auf einen Aufenthalt im Kapselhotel. Für viele Freunde schien der Gedanke daran nahezu unvorstellbar. Ich wusste zunächst auch nicht, worauf ich mich einlasse. Der Großteil der Kunststoffeinrichtung des Kapselhotels sind noch die Originale aus der Eröffnungszeit. Platzangst habe ich zwar nicht, aber wie die Schlafbedingungen nun sind, wenn man wirklich erstmal dort ist, konnte ich nicht einschätzen.

Um ehrlich zu sein, ich war extrem positiv überrascht. Meine Gastgeber im Hostel erklärten mir schon, dass Kapselhotels oftmals auch für Wellnessbesuche genutzt werden, da das Preis-Leistungsverhältnis mit umgerechnet 18 Euro unschlagbar sei. Als ich am frühen Nachmittag ankam und wie in Japan üblich meine Straßenschuhe in einem Schließfach verstaut hatte, drückte mir eine freundliche Mitarbeiterin einen Bademantel in die Hand und führte mich zu meiner Kapsel Nummer 5010. Unterwegs passierten wir Räume mit Gepäckschließfächern, Aufenthaltsräume mit bequemen Sesseln und Fernsehern, unzählige Getränke und Snackautomaten und sogar einen keinen Waschsalon. Es ist also für alles gesorgt. Im Kapselraum selbst ist Ruhe angesagt. Das Sprechen ist verboten und es war in der Tat mucksmäuschenstill.

Ich kletterte also in meine Kapsel und war überrascht, dass sie größer ist, als ich zunächst annahm. Auf den Fotos wirkt sie auch kleiner, als sie tatsächlich ist. Wenn ich auf dem Rücken lag und den Arm nach oben ausstreckte konnte ich mit der Hand noch nicht die Decke der Kapsel berühren und sogar bequem in ihr aufrecht sitzen. Gegenüber Schlafabteilen in Zügen ist das purer Luxus. Die Luft ist durch eine einstellbare Lüftung frisch und gut. Es gibt einen Stromanschluss, Radio, Wecker und sogar einen Fernseher. Die Kapselöffnung lässt sich durch eine blickdichte Jalousie verschließen. Das Licht in der Kapsel kann man dimmen und sobald es ausgeschaltet ist, ist es dunkel, selbst wenn es draußen noch heller Tag sein sollte. Der Boden zwischen den Kapseln ist mit schalldämmendem Teppich ausgelegt und die Gänge werden mit blauem Licht beleuchtet.

Insgesamt ein echtes Erlebnis und weitaus besser, ruhiger und komfortabler als so manch anderer Schlafplatz während meiner Reise.

Zu guter Letzt möchte ich unbedingt meine Gastgeber erwähnen. Das niedliche kleine Hostel ‚A la maison‘ wird betrieben vom japanisch-französischen Paar Alex & Saori (und Hund Vanilla, der gemütlich neben dem Eingang liegt und aufpasst, dass nichts passiert) und war wirklich einer der schönsten Orte auf meiner Reise.  Den Unterschied zu herkömmlichen Hostels merkte ich sofort. Vom ersten Moment an wurde man im Maison nicht nur als zahlender Gast, sondern auch als Familienmitglied aufgenommen. Das Haus ist liebevoll eingerichtet. Alle Zimmer sind im japanischen Stil gehalten, das heißt, man schläft auf Tatami Matten auf dem Boden (nachdem ich in der ersten Nacht nicht so gut geschlafen hatte, hatte Saori mir voller Sorge sofort einen zweiten Futon gebracht). Auf dem Zimmer erwartete mich eine kleine Mappe mit einem persönlichen Willkommensbrief und allen notwendigen Informationen, die ich für meinen Osaka Aufenthalt benötigte. Inklusive Verhaltensregeln für den Fall eines Erdbebens. Es gibt kostenfreies Internet im gesamten Haus, eine Waschmaschine auf der Dachterrasse und auf Vorbestellung sogar frisch gemachte Bento Boxen oder Frühstück. Egal welche Frage man zu Osaka hatte, Alex und Saori wussten nicht nur immer eine Antwort, sondern warteten außerdem sofort mit ihren Geheimtipps auf. Leider bin ich einen Tag zu früh weiter gefahren. Am Abend meines Abreisetages eröffnete Alex im Erdgeschoss des Gebäudes ein französisches Bistro mit gleichem Namen. Da hätte ich zu gerne noch mitgefeiert.

Thank you very much for welcoming me in your wonderful hostel!
It was a very pleasant stay.

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Tipps für Osaka

  • U-Bahn fahren in Osaka ist auf den zweiten Blick einfacher, als ich zunächst dachte. Jede U-Bahn Station hat eine Nummer. Über den Fahrscheinautomaten ist der Netzplan der U-Bahn groß ausgehängt. Hier stehen nicht mehr die Namen der Stationen drauf, sondern nur noch die Nummern und der vom Ausgangspunkt zu zahlende Fahrpreis. In den Fahrscheinautomaten wirft man als erstes Geld ein und wählt danach ein Ticket für den entsprechenden Preis. Die Automaten geben Rückgeld. Entscheidet man sich während der Fahrt für ein anderes Ziel oder hat man aus Versehen zu wenig gezahlt ist das kein Problem. An jedem Ausgang stehen ‚Fare Adjustment Machines‘, an denen man die Differenz nachzahlen kann. Außerdem sind überall Mitarbeiter vor Ort, die problemlos weiterhelfen.DSCN3940
  • Wie auch in Hiroshima ist Okonomiyaki ein typisches Gericht für die Region. Die Osaka Variante hat mir noch besser geschmeckt als die ohnehin schon köstliche Hiroshima Version. Direkt an der berühmten Dotonbori Brücke gibt es unzählige Okonomiyaki Restaurants. Etwas teurer, als die Restaurants abseits dieses Touristenspots, dafür aber voller Trubel und Leben. Und mit meistens unter 10 Euro pro Person inclusive Getränk für unsere Verhältnisse immer noch günstig. Direkt am Fluss gibt es das Restaurant ‚福えびす 道頓堀店‘ (Shoya Food)‘, in dem ich das köstlichste aller Okonomiyakis während meines Japan Aufenthaltes verzehrte. Das Restaurant ‚鶴橋風月 (Fugetsu)‘ direkt an der Dotonbori Brücke ist mehrfacher Gewinner von Okonomiyaki Wettbewerben. Hier wird die japanische Spezialität direkt am Tisch zubereitet, was 25-30 Minuten in Anspruch nehmen kann. Mit etwas Glück bekommt man in dem im 3. Stock gelegenen Restaurant einen Platz am Fenster und kann das Treiben auf der Brücke beobachten.
  • Den besten Ausblick auf Osaka von oben hat man in den ‚Floating Gardens‘ des Umeda Sky Buildings. Der Zugang erfolgt über eine Rolltreppe, die in schwindelerregender Höhe frei unter dem Dach zu hängen scheint. Dort kann man sich einige Zeit aufhalten. Es gibt gemütliche Sitzgelegenheiten und ein kleines Café. Bei gutem Wetter sollte man einen Besuch in den Abendstunden einplanen. Man bekommt nicht nur einen spektakulären Sonnenuntergang und die Skyline bei Nacht geboten, sondern außerdem diverse Illuminationen in den Floating Gardens selbst.

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