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Im Schatten der Atombombe: Hiroshima & Nagasaki

Die Atombombe. Ich weiß noch genau, wann ich zum ersten Mal mit diesem Thema in Berührung kam und wie es mich als Jugendlicher traumatisierte. Es war eine Faszination des Grauens. Obwohl mich die unfassbaren Auswirkungen von Kernwaffen bis ins Mark ängstigten wollte ich immer mehr darüber erfahren. Dass ich knapp 30 Jahre später die Orte des Geschehens einmal besuchen würde hätte ich damals sicher nicht für möglich gehalten.

1986. Ich bin 10 Jahre alt, als sich im Kernkraftwerk Tschernobyl eine nukleare Katastrophe ereignet und ich zum ersten Mal mit dem Begriff der Radioaktivität konfrontiert werde. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich vom Spielen wieder ins Haus gerufen wurde, weil es anfing zu regnen. Was passieren würde, wenn sich ganz in der Nähe meines Heimatortes Steinau an der Straße, nämlich im gut 100 Kilometer entfernten Grafenrheinfeld, ein ähnlicher Unfall ereignen würde, beschrieb die Schriftstellerin Gudrun Pausewang in ihrem Jugendroman ‚Die Wolke‘, den ich damals regelrecht verschlungen hatte.

Dadurch wurde ich auf ein anderes Werk von Gudrun Pausewang aufmerksam. ‚Die letzten Kinder von Schewenborn‘ erzählt schonungslos, welche Folgen der Einsatz von Atomwaffen in Deutschland hätte und vor allem, wie das Leben danach aussehen würde. Diese Geschichte hat mich zum ersten Mal mit dem Thema Kernwaffen in Berührung gebracht. Zusammen mit dem amerikanischen Spielfilm ‚The day after – Der Tag danach‘ war mein persönliches Albtraumszenario komplett.

Ich weiß nicht mehr genau wann ich erfuhr, dass der Horror Atombombe in der Geschichte bereits zwei Mal kurz hintereinander stattgefunden hatte. Mit Abwürfen auf Hiroshima am 6. August 1945 und drei Tage später auf Nagasaki am 9. August 1945 zwangen die USA Japan zur Kapitulation, was den zweiten Weltkrieg am 2. September 1945 auch in Asien beendete. Die Notwendigkeit dieser Einsätze war und ist bis heute stark umstritten. An der Entwicklung der Atombombe beteiligte Wissenschafter und sogar führende US Generäle sprachen sich bereits im Vorfeld gegen den Einsatz aus. Historiker merkten hauptsächlich an, dass der Krieg ohnehin in absehbarer Zeit geendet hätte, da die Sowjetunion sich nach Kündigung des Neutralitätsabkommens mit Japan am 8. August 1945 auf die Seite der USA geschlagen und gegen Japan eingegriffen hätte. Befürworter merken an, dass durch eine rasche Beendigung des Krieges mehrere Millionen Menschenleben gerettet wurden. Man kann nur hoffen, dass bei Konflikten in heutiger Zeit niemand auf die Idee kommt unter einer solchen Argumentation auf den Knopf zu drücken, um schneller fertig zu werden.

Hiroshima

Die Atombombe wurde am Morgen des 6. August 1945 um 8:16 Uhr in etwa 600 Metern über der Stadt gezündet. Das Hypozentrum der Explosion befand sich über einem Krankenhaus. Es entstand ein Feuerball mit einer Innentemperatur von über 1 Millionen Grad und einer Hitzewirkung von 6.000 Grad Celsius. Etwa 80.000 Menschen waren sofort tot. Durch die Hitze verdampften bei Menschen, die sich im Stadtkern aufhielten, die obersten Hautschichten. Durch den gleißenden Blitz brannten sich die Schatten von Personen in stehengebliebene Wände ein, bevor sie durch die Druckwelle weggerissen wurden. Selbst in 10 Kilometer Entfernung gingen durch die Hitze noch Bäume in Flammen auf. Nur 43 Sekunden später waren 80% der Innenstadt dem Erdboden gleich gemacht und 70.000 Gebäude zerstört.

Der radioaktive Atompilz erhob sich 13 Kilometer in die Atmosphäre und ging etwa 20 Minuten später als verstrahlter Niederschlag auf die Umgebung nieder. Wer überlebte starb an den Spätfolgen. Menschen, die vor der unerträglichen Hitze in den Fluss flohen und das kontaminierte Wasser tranken starben innerhalb kürzester Zeit qualvoll an der Strahlenkrankheit. Bis Ende 1946 fielen Schätzungen zufolge insgesamt zwischen 90.000 bis 166.000 Menschen der Atombombe von Hiroshima zum Opfer. Bis heute sterben Menschen an Krebserkrankungen, die auf dieses Ereignis zurückzuführen sind.

Das Krankenhaus, über dem die Bombe explodierte, wurde wieder aufgebaut. Das Hypozentrum in Hiroshima ist somit heute in einer kleinen, unscheinbaren Seitenstrasse zu finden. Etwa 140 Meter entfernt blieben die Strukturen eines ehemaligen Ausstellungsgebäudes erhalten. Durch die markante Stützkonstruktion des Kuppeldachs erhielt dieses Friedensdenkmal den Beinamen Atombombenkuppel. 1996 wurde es zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt.

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Das Hypozentrum der Atombombenexplosion. Das wieder aufgebaute Krankenhaus. Davor weist eine kleine Informationstafel auf den Ort des Geschehens hin.

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Auf der anderen Seite des Flusses beginnt der Friedenspark, in dessen Zentrum in einem sogenannten Kenotaph, einem Scheingrab das keine menschlichen Überreste enthält, jedes Jahr am 6. August bei den Gedenkfeiern die Namen derjenigen in eine Truhe gelegt werden, die im vergangenen Jahr an den Folgen der Hiroshima Bombe verstorben sind. Dahinter wurde 1964 die ewige Flamme entzündet, die so lange brennen soll, bis es keine Atomwaffen mehr auf der Erde gibt.

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Neben zahlreichen weiteren Denkmälern und Gedenkstätten ist das Friedensmuseum von Hiroshima einen Besuch wert. Dort werden nicht nur historische Fakten zusammengetragen, sondern auch zahlreiche persönliche Erinnerungsstücke der Opfer. Mit dem an der Rezeption erhältlichen Audioguide erfährt man mehr über die Schicksale der Menschen, denen diese Gegenstände gehörten. Japans Rolle im zweiten Weltkrieg betrachtet man hier durchaus differenziert. Das Museum setzt sich, wie die gesamte Stadt Hiroshima, stark für die Abschaffung aller Atomwaffen ein und gibt einen aktuellen Überblick über die derzeitige Bestände auf unserem Planeten.

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Das Friedensmuseum in Hiroshima
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Der rote Ball zeigt maßstabgetreu Größe und Position des Feuerballs, der durch die Explosion entstand
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Durch Hitze geschmolzene Flaschen. Im Hypozentrum der Explosion entstanden Temperaturen bis zu 6000 Grad Celsius
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Der japanische Fotograf Yoshito Matsushige machte am 6. August 1945 fünf Fotos in Hiroshima. Es sind die einzigen bekannten Bilder, die am Tag der Katastrophe aufgenommen wurden. Dies ist eines davon.

 

Nagasaki

Drei Tage später, am 9. August 1945, ereilte Nagasaki das gleiche Schicksal wie Hiroshima. Ziel der zweiten Atombombe war eigentlich der Mitsubishi Rüstungskonzern, der aber um zwei Kilometer verfehlt wurde. In 470 Metern explodierte sie über einem dicht bewohnten Gebiet. Die Stelle ist heute durch eine Steinstele erkennbar.

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Gegenüber befindet sich der wunderschön gestaltete Friedenspark. Die Mahnmale sind Geschenke aus anderen Ländern. Unweit davon steht in einem Wohngebiet ein Stein Torii, das zur Hälfte durch die Explosion zerstört wurde.

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Die ‚Statue der Freundschaft verschiedener Völker‘ von Gerhard Rommel ist ein Geschenk der DDR aus dem Jahre 1981 und wurde von Erich Honecker eingeweiht

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Das Atombombenmuseum ist nichts für sensible Gemüter. Im Gegensatz zum Friedensmuseum in Hiroshima werden die unmittelbaren Auswirkungen und spätere Folgen der Explosion schonungslos in Fotos von verbrannten Leichen und entstellten Menschen gezeigt. Die Ausstellung beinhaltet zahlreich verkohlte Objekte, stehengebliebene Uhren und sogar Holz- und Steinwände mit eingebrannten Schatten von Menschen und Pflanzen. Die Atombombe von Nagasaki gibt es als Modell in Originalgröße zu sehen mit einer Erklärung über die Wirkungsweise von Kernwaffen. Wie Hiroshima auch setzt sich Nagasaki mit zahlreichen Petitionen für die Abschaffung aller Atomwaffen weltweit ein.

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In eine Holzwand eingebrannte Pflanzenmuster
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Eine geschmolzene Glasflasche
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Eine von vielen Uhren, die zum Zeitpunkt der Explosion um 11:02 Uhr stehen blieben

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Und heute? Beide Städte werden wohl immer im Schatten der Atombombe stehen. Beide Städte fordern aktiv die Abschaffung aller Atomwaffen und setzen sich für den Weltfrieden ein. Und beide Städte sind zu modernen und vor allem lebendigen Städten geworden, die hoffentlich ihre ehrenwerte Ziele irgendwann einmal erreichen. Träumen darf man ja…

Ein paar Videoeindrücke aus Hiroshima gibt es hier.

Tipps für Hiroshima & Nagasaki

    • In beiden Städten sind alle Sehenswürdigkeiten bequem mit der Straßenbahn zu erreichen. Man steigt in der Bahn hinten ein und entrichtet den Fahrpreis bar beim Aussteigen vorne beim Fahrer. In Hiroshima kostet jede Fahrt 160 Yen. In Nagasaki 120 Yen. Der Betrag muss passend bereit gehalten werden. Wechselautomaten befinden sich in der Bahn. Es gibt jeweils mehrere Möglichkeiten der Anfahrt. Fahr- und Stadtpläne gibt es bei den Touristeninformationen.
    • Die kulinarische Spezialität Hiroshimas heißt Okonomiyaki und wird in unzähligen Restaurants angeboten. Es handelt sich um eine Art gefüllten Pfannkuchen, der auf einer heißen Eisenplatte zubereitet wird. Die Variationen sind zahlreich, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Auf keinen Fall verpassen.
    • Etwa 30 Minuten von Hiroshima entfernt befindet sich die heilige Insel Miyajima. Das Torii, das vor der Insel im Wasser thront, gehört sicher zu den bekanntesten Motiven der Welt. Die Insel gehört zu den schönsten Landschaften Japans. Der Itsukushima Schrein ist UNESCO Weltkulturerbe.

 

Ein Gedanke zu „Im Schatten der Atombombe: Hiroshima & Nagasaki“

  1. Alleine durch diesen kurzen Bericht bekomme ich Tränen in die Augen.
    Man darf sich aber auch wundern das Atomkraftwerke bis Fukushima anders gesehen wurden. Gibt es doch auch 2 Wörter für die atomare Energie. Eins ist „böse“ und bezieht sich auf die Bomben und eins ist „gut“ und bezieht sich auf die Atomkraftwerke.
    Bleibt zu hoffen das es mit beiden möglichst bald vorbei ist!

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