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3 Minuten in Nordkorea

Der Weg vom Hauptgebäude bis in die blaue Holzhütte ist nicht weit. Wir müssen nur eine schmale Straße überqueren. Trotzdem kommt er uns endlos vor. Wir sind alle angespannt. Die Wolken hängen tief. Vom Gebäude gegenüber schauen Männer in Anzügen auf uns herab. Einige von ihnen haben Ferngläser in der Hand. Und etwas völlig Unerwartetes macht diesen Ort noch unheimlicher als er sowieso schon ist… die Totenstille.

Die gut 45 minütige Busfahrt glich einer einzigen Sicherheitsunterweisung. Schon im Vorfeld gab es bei Buchung der Tour diverse Instruktionen, was bei diesem Ausflug auf keinen Fall erlaubt ist. So ist es zum Beispiel nicht gestattet Kleidung in Militäroptik zu tragen, damit man nicht aus Versehen für ein Ziel gehalten und erschossen wird. Sportkleidung ist ebenfalls verboten, da Nordkorea in der Vergangenheit angeblich Fotos von bequem gekleideten Touristen zu Propagandazwecken benutzt hat mit der Behauptung, die westliche Welt wäre so arm, dass sie sich nicht mal mehr ordentliche Kleidung leisten könne. Die Regeln wurden von unserem Tourguide immer und immer wiederholt. Fotos nur nach Ansage. Nicht mit dem Finger auf irgendwas zeigen, vor allem nicht auf Personen und auf gar keinen Fall winken.

Begleitet wurden wir während der Fahrt von einer ehemaligen Nordkoreanerin, der 2009 die Flucht über China, Kambodscha und Thailand nach Südkorea gelungen ist. Interessanterweise war es für sie durch Bestechung von Grenzsoldaten relativ einfach das Land zu verlassen. In China und Kambodscha hätte sie jedoch keinesfalls aufgegriffen werden dürfen, weil man sie nach Nordkorea zurück geschickt hätte. Mit Hilfe von Menschenschmugglern schaffte sie es bis in ein Auffanglager in Thailand. Jeder Nordkoreaner bekommt bei seiner Ankunft in Südkorea ein Startkapital in Höhe von etwa 2.000 Euro. Die Menschenschmuggler wissen das inzwischen und lassen sich diesen Betrag komplett als Bezahlung abtreten.  Insgesamt dauerte ihre Flucht 3 Jahre und 4 Monate.

Sie berichtete uns, dass die Nordkoreaner ihren ersten Führer Kim Il Sung, der als übermenschliche Vaterfigur vergöttert wurde, wirklich heiß und innig liebten. Zu dieser Zeit ging es Nordkorea durch sowjetische Unterstützung lange Zeit besser als Südkorea. Mit dem Tod von Kim Il Sung im Jahre 1994 und dem Zusammenbruch der Sowjetunion begannen die Probleme. Während der Amtszeit seines Sohnes und Nachfolgers Kim Jong-Il brach eine verheerende Hungersnot über das Land herein. In allen Bereichen verschärfte sich die Situation. Der bedingungslose Glaube an die Führung schwand. Mit dem plötzlichen Tod Kim Jong-Il’s übernahm wiederrum dessen Sohn Kim Jong-Un die Geschicke Nordkoreas. Sowohl national als auch international hofften man auf Entspannung durch einen jungen Menschen, der zudem noch in der Schweiz studiert hatte. Nach zwei Jahren hat man aber auch diese Hoffnungen inzwischen wieder begraben. Nach ihren Angaben glauben 90% der Nordkoreaner nicht an ihren neuen Führer, der sich angeblich mehreren kosmetischen Operationen unterzogen hat, um seinem Großvater ähnlicher zu sehen.

Die Nordkoreanerin, deren Namen wir nicht erfuhren, hat noch Familie in Nordkorea. Ihre Flucht wurde durch die Regierung anscheinend nie bemerkt und ihre Mutter und ihre zwei Brüder nicht bestraft. Im schlimmsten Falle würde ihre Familie nämlich für ihre Flucht in eines der nordkoreanischen Arbeitslager verbracht werden, von deren Existenz anscheinend nahezu alle in Nordkorea wissen. Zu ihrem Schutz und zum Schutze ihrer Familie mussten wir auch peinlichst genau darauf achten keine Fotos von ihr zu machen. Auch nicht zufällig.

Wir näherten uns unserem Ziel. Die Sicherheitsanweisungen wurden nach einem Vortrag über die ‚Joint Security Area JSA‘ (gemeinschaftliche Sicherheitszone) noch einmal wiederholt und wir stiegen von unserem Reisebus in einen Militärbus um, in den wir keinerlei Taschen mitnehmen durften. Zwei Militärpolizisten begleiteten uns und beobachteten uns während des gesamten Ausflugs.

Schließlich erreichten wir Panmunjeom. An diesem Ort wurden nach dem Koreakrieg die Friedensverhandlungen geführt, die lediglich zum Abschluss eines Waffenstillstandsabkommens im Jahre 1953 führten. Offiziell befinden sich Nord- und Südkorea immer noch im Kriegszustand. Die blauen Hütten stehen jeweils zur Hälfte auf nord- und südkoreanischem Boden. Wir bekamen die Gelegenheit eine der Hütten zu betreten.

Mit einem Besucherausweis ausgestattet traten wir im Hauptgebäude in Zweierreihen an und bekamen durch die Militärpolizei den Weg gewiesen. Wir wurden noch einmal darauf hingewiesen während des Gangs in die blaue Hütte nicht zu fotografieren. Auf dem Dach des nordkoreanischen Gebäudes  gegenüber schienen zudem etliche Besucher zu stehen. Wir wurden angewiesen auf gar keinen Fall auf jemanden zu zeigen oder gar zu winken.

Der Weg vom Hauptgebäude in die blaue Hütte ist nicht weit, kam mir aber in diesem Moment endlos vor. Die Stille an diesem Ort war gespenstisch. Die ganze Szenerie wirkte bedrohlich.

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In der blauen Hütte angekommen durften wir uns frei bewegen und fotografieren. Vom Fenster aus konnte man die Grenzlinie sehen und sie in der Hütte überschreiten. Die Tür nach Nordkorea wird selbstverständlich streng bewacht.

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Alles ging relativ hektisch vonstatten und die Tourguides hatten alle Hände voll zu tun, dass jeder sein Erinnerungsfoto an diesen außergewöhnlichen Ausflug mitnehmen konnte. Nach Verlassen der blauen Hütte durften wir noch ein paar Fotos von der gesamten Szenerie machen und im Anschluss wurden wir von der Militärpolizei über das Hauptgebäude wieder hinaus geführt.

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Beim Verlassen des Geländes passierten wir im Vorbeifahren die ‚Brücke ohne Wiederkehr‘ an der nach Beendigung des Koreakrieges zwischen 1953 und 1968 Kriegsgefangene ausgetauscht wurden. Wer sich einmal für eine Seite entschied und die Brücke passierte konnte nicht mehr auf die andere Seite zurück kehren.

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In unmittelbarer Nähe kam es 1976 zu einem weitreichenden Zwischenfall. Soldaten der Vereinten Nationen wollten einen Baum fällen, der die Sicht zwischen zwei Checkpoints versperrte. Währenddessen erschienen 15 nordkoreanische Soldaten, die zuerst einige Zeit lang nur zusahen, schließlich aber anmerkten, dass dieser Baum nicht gefällt werden dürfe, da Kim Il Sung selbst ihn gepflanzt hätte. Der anwesende Kommandant Arthur Bonifas gab den Befehl zum weitermachen und drehte dem nordkoreanischen Leutnant Pak Chul den Rücken zu. Die Nordkoreaner schickten nach Verstärkung und innerhalb von Minuten eilten etwa 20 mit Schlagstöcken bewaffnete Soldaten herbei. Auf erneute Aufforderung das Fällen des Baumes zu unterlassen wandte sich Bonifas erneut wortlos ab. Nach Zeugenaussagen soll der nordkoreanische Leutnant Pak Chul daraufhin seine Armbanduhr abgenommen, in ein Taschentuch gewickelt und in seine Tasche gesteckt haben und lautstark den Tod der Soldaten der Vereinten Nationen gefordert zu haben. Die Nordkoreaner griffen sich die Äxte, die die Soldaten inzwischen fallen gelassen hatten und schlugen auf Kommandant Bonifas ein. Leutnant Barrett versuchte sich durch einen Sprung in eine 5 Meter tiefe Böschung zu retten, starb aber an den Folgen seiner Verletzungen. Heute erinnert ein Mahnmal an den Vorfall, errichtet an der Stelle, an der der Baum ursprünglich stand.

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Die Tour endete am Imjingak Park mit Blick auf die Freiheitsbrücke, den ich bei meiner letztjährigen Tour bereits besuchte. Viele Touristen glauben, dass auf der anderen Seite der Eisenbahnbrücke bereits Nordkorea zu sehen sei. Die ist aber nicht der Fall. Nordkorea ist von diesem Punkt aus noch etwa 7 Kilometer entfernt.

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