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Kulturschock geht auch andersrum

Eigentlich wollte mein koreanischer Freund 성현 (Seonghyeon) mich zum Abschied in ein Bulgogi Restaurant ausführen, aber als wir dort ankamen zog sich bereits eine riesige Warteschlange einmal um den Block und an einen Platz war in absehbarer Zeit nicht zu denken. Ich glaube das kam ihm ganz recht, denn in den vergangenen Tagen schwärmte er mir schon von der deutschen Küche vor und er schlug vor in ein nahegelegenes deutsches (!) Restaurant zu gehen. Meine Damen und Herren: Das ‚Oktoberfest‘. Mitten in Seoul.

Um ehrlich zu sein war ich neugierig. Vor allem als ich erfuhr, dass der Inhaber der inzwischen fünf Oktoberfest Restaurants in Seoul gar kein Deutscher ist, sondern Koreaner. Dabei hatte ich mich schon darauf eingestellt einen kleinen Touristenplausch mit einem Landsmann zu halten. Aber weit gefehlt. Nicht mal deutsche Gäste waren anwesend. Da saß ich nun also… ein Deutscher im deutschen Restaurant alleine unter Koreanern.

Das Angebot ist übersichtlich. Neben mehreren Variationen von Würstchen gibt es Schweinshaxe, Berliner Eisbein, Entenbrust und Kartoffelrösti. Um auf Nummer sicher zu gehen findet man unter dem beliebten Motto ‚Was nicht passt wird eben passend gemacht‘ auf der Speisekarte ‚Verschiedene Würstchen mit gebratenem Kimchi‘. Mahlzeit.

Ich bestellt den Klassiker ‚Currywurst‘ und fragte Seonghyeon zur Sicherheit wie viele Würstchen denn serviert würden. Auf der Speisekarte waren nämlich 8 Stück abgebildet. Die kamen dann auch und ich bin wieder dem ersten kulturellen Irrtum aufgesessen. Denn hier bestellt nicht, wie in Deutschland üblich, jeder sein eigenes Essen, sondern man bestellt mehrere Gerichte und isst dann zusammen. Auf meine Frage hin, was Seonghyeon eigentlich bestellt hätte, antwortete dieser dann eben auch, dass wir doch Currywurst bestellt hätten.

Die Würstchen ruhten auf einem Bett aus Kartoffelbrei und wurden mit Krautsalat und etwas Rohkost serviert. Der Geschmackstest verlief auch wirklich positiv. Gut, die Konsistenz war sonderbar. Aber das ist im Ausland bei sogenannten ‚deutschen Würstchen‘ ja meistens der Fall. Die Currysauce hatte zwar gar keine Ähnlichkeit mit dem was wir als eben solche bezeichnen, aber lecker. Wir bestellten einen Nachschlag und entschieden uns für die köstlichen ‚Bierwürstchen‘, die mit geschmorten Zwiebeln serviert wurden. Das im Lokal selbst gebraute Pils konnte man tatsächlich auch gut trinken.

Ich beobachtete ein wenig die anderen Gäste und der Laden füllte sich nach und nach mit Koreanern, die alle tatsächlich der deutschen Küche fröhnten. In den wenigsten Fällen wichen Gäste auf die wenigen anderen internationalen Gerichte aus, wie zum Beispiel Nachos oder Caesars Salad. Und wer seine Lieben mit deutscher Küche beglücken möchte, der kann im Oktoberfest auch Würstchen für den Hausgebrauch erwerben.

Kulturschock geht auch andersrum… die Erfahrung war’s wert!

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