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Seoul: Eine Stadt voller Gegensätze

Seoul ist eine aufregende Metropole voller Gegensätze. Koreanische Traditionen werden hochgehalten und doch ist man eine der fortschrittlichsten Städte der Welt. Zwischen modernen Hochhäusern strahlen wunderschöne Tempelanlagen eine faszinierende Ruhe aus. Und trotz zunehmender Verwestlichung der Küche und globaler popkultureller Einflüsse wird Korea immer darauf achten seine eigene Kultur zu erhalten oder im Zweifel etwas eigenes daraus zu machen.

Auch in diesen Tagen ist Seoul gegensätzlich. Buddhas Geburtstag steht bevor und bunte Laternen tauchen Stadt und Tempelanlagen in ein prachtvolles Lichtermeer. Am ‚Tag des Kindes‘, ebenfalls ein Feiertag in Korea, ist die Stadt voll mit Familien und fröhlich spielenden Kindern. Und gleichzeitig tauchen unzählige gelbe Schleifen die Stadt in Trauer. In Gedenken an die über 300 Toten der gesunkenen Fähre Sewol.

Aber jetzt erstmal ganz von Anfang.

Uwe und ich hatten nach unserer Landung einen gehörigen Temperaturschock zu verkraften. Von der vietnamesischen Hitze war hier natürlich nichts mehr zu spüren. Wir begannen den Tag mit einem zwanglosen Stadtbummel in unserem Viertel Jongno, in dem wir schon letztes Jahr wohnten. Vor allem aber holten wir die Besichtigung des weitläufigen ‚Gwanghwamun Plaza‘ vor den Toren des Gyeongbokgung Palastes nach, um den wir letztes Jahr aus unerfindlichen Gründen immer zufällig drumherum gelaufen sein müssen.

Im Jahre 2008 hat man die Hauptverkehrsstraße vor dem Palast von 16 Fahrspuren auf 10 reduziert und in der Mitte einen über 500 Meter langen und fast 35 Meter breiten Platz geschaffen, der oft für kulturelle Veranstaltungen genutzt wird. Eingerahmt wird er durch zwei Statuen. Der sitzende König Sejong hat im 15. Jahrhundert die noch heute gültige koreanische Schrift Hangeul entwickelt. Admiral Yi Sun Shin, stolz mit Schwert in der Hand, hätte sich wohl auch mal nicht träumen lassen, dass er irgendwann mal auf riesige LED Screens blickt, die im Dauerbetrieb um die Wette flackern.

Wir wollten Seoul von oben sehen und fuhren mit der Gondel auf den Berg Namsan. Dort steht der Seouler Fernsehturm. Das an sich ist zunächst erstmal nicht spektakulär. Aber was nicht spektakulär ist, wird eben spektakulär gemacht! 2005 wurde der Fernsehturm von einem privaten Pächter millionenschwer saniert und wird seitdem auf Teufel komm raus vermarktet. Die Aussicht wäre ja eigentlich schon Grund genug gewesen den ‚N Seoul Tower‘, so der neue Name nach Renovierung, zu besuchen. Jetzt gleicht das Gelände schon einem halben Freizeitpark. Man findet dort diverse Restaurants und Cafés, ein Teddybär Museum und einen Shop mit Liebesschlössern und anderen romantischen Spielereien. Durch grandioses Marketing wurde der ‚N Seoul Tower‘ in den vergangenen Jahren das Mekka der frisch verliebten Pärchen, die an einer der Aussichtsplattformen gemeinsam ihr Liebesschloss oder ein Magnet mit ihrem Foto hinterlassen. Und zwar in solchen Unmengen, dass die Kölner Rheinbrücke rostig wird vor Neid. Da soll noch einer mal sagen, aus Fernsehtürmen wäre nichts mehr rauszuholen. Ich hoffe ich erlebe die Wiedereröffnung des Hamburger Telemichels noch.

Der Vorplatz wird für diverse Shows genutzt und zu meinem Glück durfte ich dort zufällig eine fantastische Aufführung von ‘Muye 24 Gi’, der Kampfkunst der 24 Techniken bewundern.

Buddhas Geburtstag stand unmittelbar bevor und die ganze Stadt, insbesondere die Tempelanlagen waren prachtvoll geschmückt und gut besucht von Gläubigen. Auf kleine Fahnen konnte man Wünsche für geliebte Menschen notieren. Es wurde dabei unterschieden, ob die Person noch am leben oder bereits verstorben ist. Die Fahne wurde anschließend an eine der Laternen im Tempel aufgehängt. An anderer Stelle konnte man gegen eine Spende mit einer Kelle drei Mal Wasser über eine Baby Buddha Staue gießen. Wie bei einer Taufe. Anschließend verbeugt man sich und denkt an seinen Wunsch.

Zwei Tempelanlagen haben es mir dieses Jahr besonders angetan. Der Jogyesa Tempel in unserer Nachbarschaft wurde 1395 gegründet. Der Baum in der Mitte des Innenhofes soll über 500 Jahre alt sein. Um den Tempel herum hat sich eine große buddhistische Szene etabliert, unter anderem mit einem riesigen Informationszentrum.

Der andere Tempel befindet sich mitten im etwas sterilen Luxusviertel Gangnam. Der mit 23 Meter höchste Buddha Koreas blickt von der Bongeunsa Tempelanlage inzwischen auf diverse Hochhäuser. In einem der Tempelgebäude habe ich mich spontan zu den Gläubigen gesellt. Ich beobachtete interessiert, wie sie ihre Gebete praktizierten und schloss mich ihnen mit einer stillen ZEN Meditation an.

Am 16. April 2014 ist vor der südkoreanischen Küste die Fähre ‚Sewol‘ gesunken. Über 300 Menschen, darunter sehr viele Kinder,  sind gestorben oder gelten noch als vermisst. Wie sehr dieses Unglück Südkorea erschüttert hat spürt man hier nahezu an jeder Straßenecke. An vielen Plätzen wurden Trauerstätten und Gedenkstätten eingerichtet, weitläufig sichtbar durch gelbe Schleifen. Vor dem Rathaus standen Menschen stundenlang Schlange, um vor einem riesigen Altar aus Blumen Abschied zu nehmen. Wir haben viele hochemotionale Szenen gesehen. Und viel Protest. Neben vielen lauten Demonstrationen saß eine wunderschöne Frau in stillem Protest und voller Würde auf der Gwanghwamun Plaza. Auf ihrem Schild steht: ‚Klärt die Wahrheit um Sewol auf‘.

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Einer der populärsten Orte mitten in Seoul ist der Cheonggyecheong, ein Fluss, der bis 2003 noch von einer mehrspurigen Stadtautobahn überzogen war. Durch rasante Wirtschaftswachstum in den Jahrzehnten nach dem Koreakrieg wuchs Seoul geradezu unkontrolliert. Anfang der 2000er Jahre erkannte man, dass die Stadt immer unattraktiver wurde und mit Umweltproblemen zu kämpfen hatte. Für umgerechnet 700 Mio. Euro schlug man die Stadtautobahn wieder ab und gestaltete entlang des Flusses ein 8,4 Kilometer langes städtisches Erholungsgebiet, das sich größter Beliebtheit erfreut.

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Was sonst noch geschah:

Auf den Märkten Namdaemun und Gwangjang probierte ich unter anderem rohen Octopuss, im Nachtleben von Seoul lernte ich was ein ‚Bomb Bier‘ ist und bestand die koreanische Mutprobe im Karaoke singen, die koreanische Version des Musicals ‚Ghost‘ von Dave Stewart von den Eurythmics begeisterte mich über alle Maßen, an Buddhas Geburtstag wurde ich mit einem Ausflug zum Tempel Bomunsa auf der Insel Seongmodo überrascht, ich staunte darüber wie man koreanische Küche mit der deutschen kreuzt und ich betrat für 3 Minuten nordkoreanischen Boden.

Ich liebe Seoul!

Ich komme definitiv wieder.

 

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