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DMZ: Eine Tour zum Ende der Welt

Noch nie habe ich auf meinen Reisen etwas als so paradox empfunden, wie den Ausflug zur Grenze zu Nordkorea. Pardon, man sagt in Südkorea nicht Grenze. Man sagt ‚Demilitarisierte Zone‘ und das klingt ein bisschen absurd, denn dieser Ort zählt zu den hochgerüstesten und gefährlichsten der Welt. Kein Grund seine Gäste nicht hervorragend zu unterhalten. Willkommen in der DMZ!

Ich habe mich schon immer für beide Koreas interessiert. Die Gegensätze beider Länder könnten nicht unterschiedlicher sein. Während Südkorea es innerhalb weniger Jahrzehnte geschafft hat zu einer der größten Wirtschaftsmächte der Welt aufzusteigen, unterwirft das abgeschottete Nordkorea seine Bevölkerung einem bizarren Führerkult und ist seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion als großen Unterstützer nicht mehr in der Lage selbständig seine Einwohner zu ernähren.

Mein Umfeld weiß, wie die meisten Deutschen, nicht so viel über Korea.  Interessant wurde dies als unmittelbar vor meiner Reise eine politische Krise zwischen Nord- und Südkorea ausbrach, die meiner Familie und meinen Freunden  zum Teil schlaflose Nächte bescherte.

Die Kurzfassung: Etwas über ein Jahr vor meiner Reise starb Nordkoreas Diktator Kim Jong-Il überraschend an einem Herzinfarkt. Als Nachfolger wurde der bis dahin selten in Erscheinung getretene Sohn Kim Jong-Un berufen. Die ersten Aussagen und Amtshandlungen von Kim Jong-Un waren  widersprüchlich. Manchmal kam ein Hoffnungsschimmer durch, das Land würde sich mehr öffnen und kleinere Reformen zulassen, aber dann führte Kim Jong-Un verstärkt Raketentests durch und überspannte den Bogen mit dem Test von Atomwaffen im Februar 2013, was eine handfeste Krise nach sich zog. Die Vereinten Nationen verschärften die Sanktionen gegen Nordkorea und tagtäglich konnte man zusehen wie sich das gegenseitige Gebrüll weiter hochschaukelte.

Für jeden Korea Interessierten war das alles nichts Neues. In dieser Art passiert das alle paar Jahre immer wieder. Überraschend war dieses Mal aber tatsächlich die Intensität mit der der Konflikt ausgetragen wurde. Auf der einen Seite stand der junge Diktator Kim Jong-Un, der sich innerhalb seines Landes als starker Führer positionieren musste, auf der anderen Seite die Vereinten Nationen, die ihn als politische Person nicht einschätzen konnten.

Jedenfalls hat es diese Krise  in sämtliche deutsche Medien geschafft. Dass die Tagesschau über das Weltgeschehen berichtet ist ja nichts Ungewöhnliches. Aber zwischendurch hat man nur darauf gewartet, dass die Krise auch in den Klatschmagazinen auftaucht. Aussagen wie ‚Kim Jong-Un ruft den Kriegszustand mit Südkorea aus‘ wurden zu großen Schlagzeilen umfunktioniert, obwohl sich Nord- und Südkorea de facto seit dem Koreakrieg 1950 immer noch im Kriegszustand befinden. Ein Friedensvertrag wurde nie geschlossen. Die Stimmung heizte sich so auf, dass es immer wieder zu der Aussage kam, dass nur eine falsche Bewegung an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea, pardon, in der Demilitarisierten Zone ausreichen würde, um den dritten Weltkrieg auszulösen.

Perfektes Timing also für meine Reise.

Stacheldraht, Soldaten, Holzhütten und D M Z in fett gedruckten Lettern. Im Foyer unseres Hotels sind uns die Prospekte für die Ausflüge an die Grenze zur Nordkorea, pardon, in die Demilitarisierte Zone sofort aufgefallen. Aufgemacht wie Poster für einen Actionfilm. Ich bat den netten Herren an der Rezeption mir bei der Buchung zu helfen. Wir wollten unbedingt die große Tour buchen, die einen Ausflug nach Panmunjeom beinhaltet, dem Ort, an dem der Waffenstillstand des Koreakrieges ausgehandelt wurde und an dem sich heute noch nordkoreanische Soldaten und Soldaten der Vereinten Nationen Auge in Auge gegenüberstehen.

Doch hier wartete schon das nächste Paradoxon. Obwohl die politische Lage zwischen den beiden Ländern angespannt war wie selten zuvor, waren die Touren nach Panmunjeom auf die nächsten Monate restlos ausgebucht. Ich war wahnsinnig enttäuscht und hätte gerne die berühmten blauen Hütten gesehen hätte, die jeweils zur Hälfte auf nord- und südkoreanischem Terrain stehen. Der freundliche Herr an der Rezeption bemerkte dies und lies es sich nicht nehmen alle Tourveranstalter für mich abzutelefonieren und nach freien Plätzen zu fragen. Leider ohne Erfolg.

Es blieb also bei der kleinen Tour, für die wir am nächsten Morgen in aller Frühe mit einem Bus am Hotel abgeholt wurden.

Wir verließen die Stadt und fuhren Richtung Norden. Unsere Reiseführerin für den Tag nutzte die Fahrtzeit zur ersten Station unseres Ausfluges um vorhandenes Wissen zur Teilung Koreas abzufragen und aufzufrischen. Währenddessen fuhren wir über Autobahnbrücken, die im Falle einer nordkoreanischen Invasion weggesprengt werden können und schauten durch Stacheldraht auf den Han Fluss und machten dahinter bereits erstes Ausläufer nordkoreanischen Gebiets aus. Den Stacheldraht hatte man übrigens deshalb den ganzen Fluss entlang gezogen, weil sich Flüchtlinge, die über den Fluss geschwommen waren, immer wieder als nordkoreanische Spione entpuppten.

Wir wurden darüber informiert, dass Nordkorea seine Atomwaffen mit Geldern aus Südkorea finanziert hat, aus einer Phase der sogenannten ‚Sunshine Policy‘ in der Südkorea den Norden tatsächlich umfassend finanziell unterstützt hat. Es wurde auf die aktuelle Situation der Sonderwirtschaftszone Kaesong eingegangen und behauptet, Nordkorea würde südkoreanische Arbeiter momentan gegen deren Willen festhalten um Millionenbeträge zu erpressen. Nicht zuletzt wurden einige Vorfälle aus der Vergangenheit zum Besten gegeben, die das Verhältnis beider Staaten wieder abkühlen ließ und jegliche Versuche der Annäherung zunichte machten.

Unsere erste Station war der Imjingak Park, rund 7 Kilometer südlich der Demilitarisierten Zone. Neben einem größeren Kinderspielplatz, einem Informationszentrum mit Aussichtsplattform, der Friedensglocke und diversen Denkmälern in den verschiedensten Ecken des Geländes verstreut, sind die zwei Hauptattraktionen von Imjingak das Wrack einer Lokomotive aus dem Koreakrieg, und die Freiheitsbrücke.

Nicht wenige Touristen vor Ort nehmen an, dass auf der anderen Seite dieser Brücke bereits Nordkorea ist und insofern war die Aufregung groß, als sich ein Zug von der anderen Seite in unsere Richtung bewegte. Die Gleise führen auch geradewegs in die Sonderwirtschaftszone Kaesong. Aber in Sichtweite ist Nordkorea hier noch nicht, weshalb wir auch nach einem kurzen Aufenthalt uns auf dem Weg zur nächsten Attraktion machten.

Der Weg zum ‚Dritten Invastionstunnel‘ führte uns nun direkt in die Demilitarisierte Zone. Hier kann man nicht mehr einfach selbständig als Tourist hinfahren. Der Zugang ist nur über die gebuchten Touren möglich und mit strengen Auflagen verbunden. Schon im Hotel wurden bei der Buchung unsere Reisepass Daten telefonisch durchgegeben, die später von einem Soldat der Vereinten Nationen mit einem kurzen Blick auf die von der Reiseführerin mitgeführten Liste zur Kenntnis genommen wurden. Man merkte sofort, dass die Soldaten und die Reiseführer ein eingespieltes Team sind.  Von jetzt an war das Aussteigen aus dem Bus nur an den für Touristen vorgesehenen Orten möglich und das Fotografieren während der Fahrt aus dem Bus verboten.

Wir überquerten die ‚Wiedervereinigungsbrücke‘, deren Bau durch den Gründer von Hyundai, Chung Ju-yung, ermöglicht wurde. Chung  ist gebürtiger Nordkoreaner, der jedoch nach der Teilung im Süden zu Reichtum kam. 1998 reiste er noch einmal in seine frühere Heimat und brachte, inmitten einer Hungersnot, 1001 Kühe mit nach Nordkorea und leitete damit damals eine Annäherung ein.

20 Jahre zuvor im Jahre 1978 wurde, zum dritten Mal, ein heimlich von Nordkorea gegrabener Invasionstunnel entdeckt, durch den 10.000 Soldaten innerhalb einer Stunde den Süden hätten erobern können. Nordkorea streitet bis heute die Errichtung dieser Tunnel ab. Zuerst gab man vor, man wüsste nichts von den Tunneln. Später behauptete man, man hätte in diesem Gebiet lediglich nach Kohle gegraben. Flüchtlinge aus  Nordkorea berichteten, dass 20 solcher Invasionstunnel in Planung waren.

Es ist nur konsequent auch diesen Tunnel zur Touristenattraktion auszubauen. Auch hier gibt es ein Informationszentrum mit einem kleinen Kino, einen kleinen Souvenirshop und einen Trinkbrunnen mit zwei entzückenden Rehen (obwohl wir nicht herausfanden, warum). Dominiert wird der Platz von einem Wiedervereinigungsdenkmal das zeigt, wie Nord- und Südkoreaner gemeinsam eine Weltkugel zusammenschieben und den allgegenwärtigen Buchstaben DMZ in Überlebensgröße, die sich uns als Fotomotiv geradezu aufgezwungen haben.

Zum doch anstrengenden Ab- und wieder Aufstieg gibt es wenig zu sagen. Das Fotografieren innerhalb des Tunnels war verboten und was man in 73 Metern Tiefe zu sehen bekam war… nun ja… ein Tunnel.

Also auf zur nächsten und spannendsten Station auf dieser Tour, der Dora Observationsplattform. Auf der Fahrt dorthin gab es noch einmal gesonderte Instruktionen, was das Fotografieren und das Verhalten betrifft. Am Straßenrand sahen wir immer wieder Schilder, die vor Landminen warnten.  Auf dem Boden der Aussichtsplattform, die einen Blick nach Nordkorea bietet, befindet sich eine gelbe Linie, hinter der man nicht mehr fotografieren und filmen darf. Außerdem ist es verboten anwesende Soldaten zu fotografieren. Ich muss gestehen, dass die Anspannung stieg. Nach all den Jahren, in denen ich mich für Korea und seine Teilung interessierte, würde dies der Moment sein, in dem ich so nah an Nordkorea sein würde wie nie zuvor. Da kam mir ein angespanntes Setting gerade recht.

Auf der Plattform selbst wuselten die Touristen so vor sich hin. Jeder versuchte natürlich unter den eingeschränkten Möglichkeiten ein möglichst gutes Foto von der anderen Seite zu schießen. Über den münzpflichtigen Ferngläsern war ein Abdruck des nordkoreanischen Panoramas aufgehängt mit Erklärungen, was es zu sehen gab. Soldaten streiften zwischen den Touristen durch und stellten sicher, dass die Spielregeln auch eingehalten wurden und selbstredend gab es auch hier einen Souvenirshop, der klare Fotos vom Ausblick bereit hielt, sollte das Wetter mal überhaupt nicht mehr mitspielen.

Beeindruckt machten wir uns auf den Weg zur letzten Station unserer Tour. Einem Geisterbahnhof.

„Not the last station from the South,
but the first station toward the North“

„Nicht die letzte Station des Südens, sondern die erste Station Richtung Norden“. Auch im Geisterbahnhof Dorasan begegnet uns wieder die gewohnte Wiedervereinigungsrhetorik. 2007 begann man im Rahmen der Annäherung beider Länder, und begleitet von internationaler Presse, mit einem eingeschränkten Zugverkehr nach Nordkorea. Etwa ein Jahr später wurde im nordkoreanischen Gebirge Kumgan eine südkoreanische Touristin von nordkoreanischen Soldaten erschossen. Der Vorfall wurde nie aufgeklärt und führte zu neuen Verwerfungen. In Folge dessen wurde auch der grenzüberschreitende Zugverkehr wieder eingestellt und aus der Dorasan Station ein Geisterbahnhof.

Mit einem symbolischen Ticket für umgerechnet 50 Cent, inclusive  stilechtem Nordkorea Stempel, den man sich keinesfalls im eigenen Reisepass anbringen sollte,  darf man die Bahnsteige begutachten  und ein Foto vom gefühlten Ende der Welt machen. Hier geht es definitiv nicht weiter.

Hier endete unsere Tour. Auf dem Rückweg nach Seoul gab es erneut den Blick auf die Grenzanlagen rüber nach Nordkorea. Ich dachte darüber nach, wie unfassbar es eigentlich ist, dass wenige geographische Kilometer über Menschenleben entscheiden können. Während wir selbst an allen Stationen dieses Tagesausfluges uns mit Soft Drinks, Süßigkeiten und mehr oder weniger sinnvollen Souvenirs eindecken konnten, leiden in Sichtweite Millionen Menschen Hunger, haben keine medizinische Versorgung und werden von einem irrsinnigen Regime mit wahnwitziger Ideologie all ihrer Freiheit und Menschenrechte beraubt.

Aber auch im Süden gibt es Probleme. Das mobile Kreditkartenterminal funktioniert nicht. Die Schuldigen sind schnell gefunden. Angeblich haben die nordkoreanischen Brüder entlang der Grenzen Mobilfunkblocker installiert…

Blick auf Nordkorea
Blick auf Nordkorea

2014 konnte ich die Besichtigung von Panmunjom nachholen und betrat für drei Minuten nordkoreanischen Boden.

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